Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. Dezember 1944 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 26. Dezember 44.

Nr. 10.
Nr. 9 ist am 18.XII.
eingeschrieben abge-
gangen.
Mein innig Geliebtes!
Nach einem etwas anstrengenden 2. Feiertag möchte ich doch noch versuchen, Dir zu schreiben. Lieber kleine Nachrichten und häufiger; irgend etwas davon wird doch zu Dir durchdringen. Vor allem herzlichen Dank für die beiden, sehr pünktlich vor dem Fest eingetroffenen Sendungen, die wohlvertrauten Kuchen und "Die kleine Stadt am Bodensee".¹) [li. Rand] ¹) "Einstweilen" danke ich auch für den Anteil Susannes. Es ist erstaunlich, daß Du überhaupt etwas auftreiben konntest. Nun gar etwas mit so persönlicher, lieber Beziehung! Bisher habe ich mich an der Bildern erfreut und hin und da genippt. Der eigentliche Genuß wird für ganz stille Stunden aufgehoben. Ich habe für Dich (außer dem unbeholfen selbstgeschriebenen Kalenderchen) nichts gehabt. Hätte ich aber etwas gehabt, so hätte ich es Dir, wie schon in Nr. 9 bemerkt, nicht schicken können; denn es werden nach 17a nur noch Sendungen bis zu 100g angenommen.
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| Lieber noch als Radolfzell (das in natura immer etwas staubig war) ist mir dein ausführlicher Brief. Sein Schluß spricht aus, was auch mich bewegt: wenn uns das Erhoffte nicht beschieden sein sollte, so tragen wir die zeitlose Erfüllung in uns. Das gibt Ruhe, und macht zugleich tapfer zum Standhalten. Leider kommt Ihr ja jetzt aus den Alarmen nicht mehr heraus.
Mein Bronchialkatarrh ist besser, verschwindet aber im Winter natürlich nicht ganz. Im übrigen bin ich ziemlich schlapp, d. h. es fehlt das Plus. Selbst viel Besuch hintereinander macht mich müde. Ich habe vom 23.–26.XII   23 große Seiten einer Einleitung zu Fichtes "Bestimmung des Menschen" geschrieben. Das war eine ziemlich tiftelige Aufgabe. Es muß noch viel daran gefeilt werden. Jedenfalls ein Versuch, wenigstens eine Kleinigkeit produktiv zu leisten.
Neulich hat uns jemand, den Du einmal mit Goethes Ulrike verglichen hast, einen Hasen gebracht. Sie war erst vor 3 Tagen daher gekommen, wo ich vor 6 Wochen herkam. In der Hauptsache ist noch nichts entschieden. Jedenfalls erfreuliches
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| Wiedersehn.
Am Heiligen Abend waren wir ganz zu Hause, auch nicht in der Kirche, wegen meiner Erkältung; gestern in Potsdam. 9 Menschen reden immer ziemlich planlos durcheinander; so kam nicht viel Besinnliches heraus. Heute zu Mittag (Hase) war Hedwig Koch da; nachher unerwartet der Studienrat Dr. Bork (vgl. Festschrift.) – jetzt Königshütte O/Schl. Manche hübsche Kleinigkeiten,¹) [li. Rand] ¹) Von Kippenberg ein großes illustriertes Werk Apulien und Hebels Schriften – beides neu erschienen. besonders aber liebe Briefe habe ich erhalten. Die Hauptmasse wird wohl erst morgen eintreffen. (Telegramm aus Tokyo von Haga!)
Ich habe nun doch noch den Nietzsche-Aufsatz für das Auswärtige Amt zu machen, und außerdem bin ich zur Mitarbeit an einer neuen offiziellen Zeitschrift aufgefordert. Überraschend. Denn da gibt es natürlich 2 Strömungen. Ganz ausschalten kann man mich wohl nicht.
Die nächsten Tage bringen die übliche anstrengende Briefschreiberei. Das stand schon immer wie ein Berg vor mir, diesmal aber ganz besonders. Dafür f

Hier ging das Licht aus. 27.XII
allen alle Einladungen fort. Aber ich muß nun an die schwere Last der Grüße und Danksagungen herangehen. Manche Briefe liegen schon seit ½ Jahr da.
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| Dies soll zugleich auch unser Neujahrsgruß sein. Wahrscheinlich aber erhältst Du ihn erst nach dem 1.I.45. Wir werden am Silvesterabend zu einander hindenken. Mehr sage ich nicht – denn wünschen ist eigentlich Redensart. Es kommt auf die Kraft und die Gewißheit an.
Vielen herzlichen Dank für alles Schöne und die treuesten Grüße am Ende des schwersten aller Jahre. Auch im Namen von Susanne herzlichen Dank und Gruß
Stets Dein
Eduard [Spranger.]

[   ] dies geschah mechanisch!

Eben, als der Brief fortsollte, kamen die beiden Päckchen, mit dem "Gestrickten", und jedes mit einem lieben handschriftlichen Gruß. Die Socken sind ein wirklich nobles Geschenk für "heutzutage.", noch dazu von Dir selbst gemacht. Auf diesem Fuße werde ich sicher gehen. Ich danke Dir tausendmal. Zugleich erfahre ich Deine Feiertagspläne. Möge alles schön und ohne Alarm verlaufen sein!
Eine ungeheure Briefpost traf gleichzeitig ein. Daraus erfährt man von viel Elend. Anderl Witting [über der Zeile] hat seit August nicht mehr geschrieben. Kerschensteiners sämtliche männliche Enkelkinder vom Krieg verschlungen.