Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Januar 1944 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 2. Januar 1944.

[von fremder Hand] erhalten 5.I.
Mein geliebtes Herz!
Es ist zum erstenmal, daß ich diese 44 schreibe, (außer auf dem Rentenschein!) und das muß doch natürlich an Dich sein. Eigentlich sollte ich zwar an Susanne schreiben, die mich heute durch einen mitteilsamen Brief sehr erfreute. Sage ihr vorläufig vielen Dank dafür, bis ich selbst mich durch die Reihe der noch zu schreibenden Neujahrsbriefe durchgearbeitet habe. – Durch die vielen Besuche beim Vorstand ist meine Zeit so zerrissen und überhaupt fehlt ja nicht nur die äußere, sondern vor allem die innere Ruhe zum Briefschreiben. Und was soll man auch schreiben?! Der immer wiederkehrende Gedanke dieser Tage ist doch: möge das Schicksal dieser Zeit gnädig an denen vorüber gehen, die wir lieb haben! Und dann fällt mir auch immer der schöne Spruch ein, der diese
[2]
| Einstellung drastisch beleuchtet: Lieber heilger Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ andre an! – Und doch, wie tapfer sind die Betroffenen, sofern sie nur einigermaßen davon kommen! Es ist aber keine Frage, daß alle Kraft dabei verzehrt wird.
Wie aufreibend schon diese entsetzlichen Angriffe auf den Menschen wirken, merke ich ja nur zu gut auch an Dir, mein liebstes Herz. Wir hier können uns ja noch kein Bild davon machen, denn wir kennen es nur aus der Ferne. Auch gestern nacht um 4 heulte die Sirene wieder und nordwestlich – wohl jenseits des Rheins – flammmte es lebhaft auf und man hörte Explosionen. Dann wird es still und man schläft weiter. Ob man nicht doch einmal nach Mannheim fahren sollte, um durch den Augenschein die Bilder aufzunehmen, wie sie Euch in Berlin umgeben? Nun war also ganz nahe bei Euch die U-Bahn getroffen. Ob nicht endlich einmal dieser Stadtteil als erledigt gilt? Von meiner Schwester hatte ich seit dem 29. nichts; der Brief von Susanne ist wieder Bln. S.W.11 gestempelt,
[3]
| das geht offenbar am schnellsten. Ich hatte mich darauf gefaßt gemacht, vor Montag keine Nachricht zu bekommen und war darum doppelt erfreut. Es ist seltsam, als es anfing mit diesen Zerstörungen, wollte man womöglich gleich telefonieren und verzehrte sich in Unruhe. Jetzt wartet man – und hofft.
Soeben, Sonntag 7 Uhr, wieder Voralarm! – und während ich noch beim Herrichten für den eventuellen Kellerbesuch bin, bläst es schon wieder ab. Also kann ich in Ruhe weiterschreiben.
Es ist gut, daß Glasenapps ein Unterkommen fanden, denn es ist etwas anderes, Freunden ein Quartier zu geben und befreundete Menschen als Besuch aufzunehmen. Man gibt da ja leicht die eiegne Freiheit auf. – Daß Mädi total geschädigt ist, schrieb ich wohl schon. Von ihr direkt hatte ich noch keine Nachricht. – Gunzerts hatten ja bisher ihre Möbel noch in Sicherheit und wollen morgen wieder nach Berlin, um sie womöglich hierher in Bewegung zu
[4]
| setzen. Ganz leicht wird ihnen der Abschied von Berlin nicht.
Mit dem Vorstand ist noch immer nichts entschieden, wie überhaupt die ganze Angelegenheit mit dem Heim noch in der Schwebe ist, durchaus charakteristisch für die Zeit. Aber die alten Leute sind natürlich in Aufregung. Aenne liegt seitdem fest und ihr Zustand bessert sich sehr langsam. Sie ist befriedigt, so nicht transportfähig zu sein und macht sich nicht viel Gedanken weiter. Und solange man garnicht weiß, wie das künftige Unterkommen sein wird, kann ich auch über die Sachen nicht weiter das Nötige bestimmen. Einiges wird bei Mehners untergestellt. Die übrige Verwandtschaft kümmert sich um nichts. Das ist alles so unfruchtbar und unbefriedigend.
Das neue Jahr habe ich ohne weitere Umstände begonnen. Ich war noch wach und meine Wünsche für die Zukunft waren bei allen Lieben in der Ferne. Vor allem aber wünsche ich Dir, mein Lieb, Kraft und Gewißheit in dem Orkan, der uns umtobt. Jetzt muß sich doch an uns bewähren, was wir "Gottvertrauen" nennen. In immer gleicher Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Sylvester gab es Schnee, der zu Neujahr 24 Stunden weiter fiel, aber heut ist alles fort.
[li. Rand S. 3] Es ist naß und stürmisch, und ich werde den Brief erst morgen mit zur Stadt nehmen.
[li. Rand S. 1] Briefumschlag für die Antwort benutzen!