Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Januar 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Januar 1944
Mein geliebtes Herz!
Es waren jetzt wohl einige Tage ohne direkten Angriff auf Berlin. Aber immer, wenn es bei uns einen Voralarm gibt, fürchte ich für Euch. Was Du von Euren Erlebnissen am 2.I. berichtet hast, ist schon in der nachträglichen Vorstellung so aufregend, daß ich mir lebhaft vorstellen kann, wie es Eure Nerven mißbraucht wurden. Wenn man doch nur endlich die Gewißheit hätte, daß es nun zum letztenmal gewesen sei! Aber dafür fehlt jede Aussicht. – Wir dagegen haben jetzt schon tagelang völlige Ruhe gehabt. Und aus meinem eigenen Dasein ist so gut wie nichts zu berichten. Briefe hatte ich von Hermann mit Einlage von Frontberichten Dieters, der bereits eingekesselt, bei nächtlicher Flucht all seine Habe im Stich lassen mußte. Emmy Frommherz schrieb
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| liebenswürdig und mitteilend. Hannelore ist zu Haus, erklärt aber immer mehr, daß sie keine Lust für das Geschäft hat, und das macht den Eltern große Sorgen. – Anna Weise ist noch unversehrt in ihrem Hause – – und auch in Mannheim gibt es immer noch bewohnbare Häuser. Es ist so merkwürdig, daß offenbar die Menschen auch unter den primitivsten Bedingungen in der Zerstörung bleiben, als sich irgendwo unterbringen lassen. – Auch ich bin froh, daß ich durch die Beziehung zur Augenklinik auf alle Fälle vor einer Zwangsverschickung sicher bin.x [li. Rand] x Wie kommt es denn, daß Prof. Penk fortmußte? Zwangsweise?
Außerdem habe ich ja nun hier auch auf unbestimmte Zeit eine Aufgabe durch die Erkrankung vom Vorstand. Gestern ging ich mal zu Fräulein Dr. Clauß, um endlich ein Bild zu bekommen, für was man den Zustand eigentlich zu halten hat. Da hat sie mir dann eröffnet, daß sie es für Alterskrebs hält. Sie hat eine Geschwulst im Leib festgestellt, die sehr wahrscheinlich bösartig sein wird. Eine Operation
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| ist bei dem Alter und Kräftezustand ausgeschlossen. Man muß wohl sagen: leider ist aber der Appetit noch immer vorzüglich, das Herz gesund und die Beweglichkeit im ganzen eher wieder besser. Die Patientin ist recht geduldig, aber gerade für ihr Temperament ist es eine harte Probe so viel still zu liegen und allein zu sein. Lesen kann sie fast garnicht mehr, und überhaupt sind Augen und Gehör ganz schnell sehr schlecht geworden. Dabei ist noch schwer zu unterscheiden, was dabei lediglich auf geistigem Nachlassen beruht. Kurz, es ist alles in allem ein jämmerlicher Zustand. Sie selbst glaubt Ischias zu haben und das sei sehr langwierig, sie hofft aber doch, es könne wieder besser werden. Immerhin stellen sich doch auch an der bewußten Stelle Schmerzen ein; aber Frl. Dr. meint, in der Regel sei die Sache in dem Alter nicht allzu schmerzhaft.
Wieviel gnädiger war das Schicksal mit den Altersgenossinnen, die vor ihr starben: Frau Jannasch, Frau Wille – sie sind fast garnicht krank geworden. –
So sind meine Tage durch die ständigen Besuche und sonstige Tätigkeit in Aennes Interesse sehr in Anspruch genommen. Und ich werde dabei täglich stumpfsinniger, denn abends bin ich eigentlich zu müde zu ernster Lektüre. Vor kurzem las ich mal Schleiermachers Weihnachstfeier – (oder schrieb ich Dir das schon?) und war wieder garnicht von seiner Art angesprochen. Vielleicht ist auch schuld daran, daß mich seine Probleme nicht mehr berühren. – In den Buchläden gähnen einen die leeren Fächer an, und wo wäre es anders? Willst du sonst etwas kaufen, heißt es: nur für Fliegergeschädigte! So wird das Dasein immer armseliger und man fühlt sich wie gefangen oder gelähmt.
Wovon ich noch lebe? Das ist irgend ein liebes Wort von Dir, das ich wieder und wieder lese, irgend eine Erinnerung an die reiche Vergangenheit und eine stille Gewißheit der unverlierbaren Verbundenheit in unsrer zeitlosen Welt. Sonst könnte man diese Existenz ja nicht ertragen.
Grüße Susanne herzlich von mir. Möchtet Ihr <li. Rand> jetzt recht viel versäumten Schlaf nachholen können. Sei Du selbst innig gegrüßt
von Deiner Käthe.