Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Januar 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Januar 1944.

[von fremder Hand] gestempelt 21.I
erhalten 23.I
Mein liebstes Herz!
Das war nach langer Zeit der erste Brief, der nicht von einem schrecklichen Angriff zu melden hatte. Wie dringend wünsche ich doch, die verbesserte Abwehr möchte wirklich auf die Dauer abschreckend wirken. Trotzdem kommen ja immer noch plötzliche Überfälle vor, wie vor einigen Tagen in Kaiserslautern, wo es in 18 Sekunden verheerend gewirkt haben soll. –
Der Hansjakob ist mir ebenso wenig sympathisch wie Dir, ein bäuerlicher Landpfarrer ohne jeden höheren Schwung, weniger auf den Himmel als das behäbige Wohlleben bedacht. Aber es war mir im Lesen wie ein Wiedersehen mit all den lieben bekanten Orten. Und das habe ich mit Wonne genossen, und in Erinnerungen gelebt.
Sonst lese ich eben von David Friedrich Strauß den Voltaire. Auch das ist eine Erinnerung an manchen Leseabend im Hause
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| Knaps
vor vielen Jahren. Aber jetzt ist es mir doch auch wieder neu. – Mit dem Vorstand ist es so wie du vermutest. Ich weiß nicht einmal, ob ich dir davon schon schrieb, daß ich Frl. Dr. Clauß aufsuchte? Zu tun ist in der Sache weiter nichts, da eine Operation ausgeschlossen sei. Vorläufig ist der Zustand erträglich, wenn auch vorgestern mal ein recht unruhiger Tag mit quälenden Schmerzen war. Der Abtransport der Gesunden ist wieder verschoben, da das beabsichtigte Hotel in Niederbronn unbrauchbar war. Vorläufig bleibt es also dabei, daß ich täglich in die Dantestraße gehe, und alles andre zurückstehen muß.
Aber wenigstens den Wochenkalender konnte ich inzwischen bekommen und mit einem Hintergrund versehen. Wie immer ist es mit vielen lieben Gedanken gemacht, aber die Ausführung ist hinter der Idee weit zurückgebleiben. Teils sind meine angegriffenen Augen schuld, teils eilte ich sehr, damit Du das Ding endlich bekämst, nachdem ich auch noch durch zwei Fiebertage aufgehalten war. Die kleine Grippe hat sich zu einem
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| ebenso bescheidenen Schnupfen entwickelt. Es ist alles so maßvoll geblieben, weil ich im ganzen dies Jahr wirklich kräftiger bin. Wenn ich Dir nur davon abgeben könnte! Was man dazu an kleinen Liebesgaben tun kann, habe ich durch ein Paketchen versucht, das ich am 17. als dringendes Einges. Wertpacket an Dich absandte. Ich empfehle Dir sehr, das Fruktamin zu genießen, da man ja Obstvitamine sonst fast garnicht bekommt. Wir hier können eben beliebig Priovit kaufen, und ich bedaure, auch das, sowie Bromural, nicht beigelegt zu haben. – Schade, daß ich nicht am Patiencelegen teilnehmen kann. Ich habe allerlei Abwechslung in dem Artikel. Aber obgleich ich kürzlich bei Herrn v. Schoepffer eine neue Nummer lernte, habe ich die Karten wieder im Schrank bei Buttmis verstaut, denn es wird auch bei mir zu einer Leidenschaft, der ich dann unnötig Zeit opfere.
Wie Radbruch zu Deinem Goethe kam, kann ich mir nicht denken, vielleicht als Rezensionsexemplar? Hier hat es kein Buch
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|händler (wenigstens angeblich) gehabt. Ob dann nicht irgend etwas von Deinen Büchern in Leipzig doch verschont blieb?? –
Gestern war Hedwig Mathy zu Mittag bei mir. Willst du das Menu wissen? : Bouillonsuppe, deutsche Beefsteak (ohne Beimischung!) Lauchgemüse und Kartoffeln, rote Grütze und Vanilinsoße. Fein, nicht wahr? – Heute werden sie in Schivelbein noch besser essen, da ist die Hochzeit der lieben Inge mit Karl-Heinz Gronstedt. Außer den beiderseitigen Eltern sollten auch Hermann und die beiden Schwestern der Braut dazu kommen. Ich wollte telegraphieren, es wird aber nicht gestattet.
Nun will ich diesen Brief, der mal wieder nur ein Notbehelf ist und der viel mehr von all dem erzählen sollte, was mir durch den Sinn geht, noch zum Kasten bringen, damit er morgen früh um 6 abgeholt wird. Es ist eine rabenschwarze Nacht und ich werde ein Laternchen nehmen. – Schreibe mir doch mal, ob das so rascher geht als wenn ich die Post morgen mit in die Stadt nehme.
Viel herzliche Grüße und Wünsche für Euer <li. Rand> Wohlergehen, vor allem keine Angriffe!! In stetem Gedenken Deine Käthe.