Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.I.44.

[von fremder Hand] erhalten 3.II
Mein geliebtes Herz!
Wie froh war ich am 22. von Dir die beruhigende Nachricht über den Angriff vom 20. zu bekommen, und nun muß man schon wieder in Angst sein, wegen der zwei neuen Überfälle! Auch bei uns ist der Alarm wieder häufiger, teils nachts, teils am Tage, zu allen Tagesstunden; aber bei uns ist noch keine Bombe gefallen. Heut waren sie in Ludwigshafen und, wie es heißt, in Karlsruhe. Sie donnerten durch die Rheinebene in mehreren Wellen und einzelne Brummer kreisten auch in unserer Nähe. Bei Tagesalarm sind wir noch herzlich unbefangen, weil wir noch garnichts erlebt haben. Heute ging ich wieder, als es ruhig wurde, zum Einkaufen ins Dorf, und erst als ich beim Bäcker war, ging die Sirene zum Voralarm über. Überall
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| standen die Leute vor den Türen und an den Fenstern, überall stockte die Arbeit und die Läden waren geschlossen, sodaß man durch den Hausflur eindringen mußte. Aber ich habe meine Sachen glatt bekommen, und keine Polizei hat mich behelligt. – Nachmittags war ich dann, wie täglich, beim Vorstand. Sie war heute sehr mißgestimmt und meinte, "daß wüßte kein Mensch, wie schwer das wäre, immer still liegen zu müssen." Dabei sieht sie erbärmlich aus und ist im übrigen recht verworren. Es ist sehr schwer, sich mit ihr zu verständigen, wenn es nicht gerade in ihren Gedankengang paßt. Dann begreift sie das Einfachste nicht und tut, als ob es am Gehör läge. Oder sie sagt "jawohl", aber ich sehe an ihrem Gesicht, daß sie nichts begriffen hat. Sie selbst redet ununterbrochen, immer wieder dieselben Sachen. Alles in allem ist sie eigentlich unzurechnungsfähig, mit einzelnen lichten Momenten; im ganzen aber sehr geduldig, sodaß es wirklich anzuerkennen ist. Die
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| Stimmung heute war eine Ausnahme. Vom Transport ist noch keine Gewißheit zu bekommen, aber heut sagte mir die Leiterin des Stifts, daß es lange nicht mehr durchzuführen gehe, sie hätten die Zeit nicht, sie klingle um jede Kleinigkeit. Aber es nimmt sie kein Krankenhaus. Was soll da werden?!
Das sind so die Dinge, die meine tägliche Beschäftigung ausmachen. Bei Frau Buttmi ist ein junger Student, der bei ihr in Pension war, innerhalb von 2 Tagen an Hirnhautentzündung gestorben. Da gab es auch Aufregung. – Dagegen schrieb Hermann über die Hochzeit in Schivelbein (am 20.) recht befriedigt, obgleich es gänzlich unkirchlich zuging. – Von Mädi hatte ich heut eine Karte, die Kinder dort haben nach einander die Windpocken. Über die verlorene Häuslichkeit schrieb sie nichts weiter, als daß der Mann 3 Wochen "Bombenurlaub" hatte. Sie waren in Berlin, um die Angelegenheit zu ordnen.
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Etwas, das mir Gedanken macht, ist der Brief von Emmy Frommherz, die sehr beweglich klagt, daß Hannelore ihnen täglich zu hören gäbe, wie ungern sie den Wirtsbetrieb habe. Sollte das Mädchen denn nicht froh sein, in solche Lebensmöglichkeit gesetzt zu sein?! Oder hat sie eine bestimmte Anlage zu etwas Anderem? –
Sehr herzlich danke ich Susanne für die Rücksendung des Kästchen. Ich suche immer gleich sehr eifrig nach etwas Schriftlichem darin; aber ich weiß ja, sie hat wenig Zeit, und so muß ich mit dem Zettelchen zufrieden sein. – Sobald ich was habe, kommt solch Päckchen wieder zu Dir. Wenn ich doch nur machen könnte, daß Du nicht so schrecklich unter diesen nervenzerstörenden Angriffen zu leiden hättest. Aber gerade in Dahlem wird wohl ein bestimmtes Ziel gesucht, und vorher gibt es kein Nachlassen.
Immerfort suchen Dich meine Gedanken und möchten Dich schützend umgeben können. Sei mir von Herzen gegrüßt und grüße auch Susanne vielmals!
Deine Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand wird am 2.II. 88 Jahre!