Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Februar 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Febr. 1944.
Mein geliebtes Herz!
Es war mir ein rechter Trost, am 3. beim Vorstand Deine liebe Glückwunschkarte vorzufinden, denn ich wartete schon mit großer Sorge auf Nachricht. Am Donnerstag den 27. war ein Angriff gemeldet, über den ich aber von Dir nichts hörte, während ich sonst gewöhnt – oder besser: verwöhnt – war, gleich nach 2 Tagen eine Nachricht zu haben. Dann kamen die fortgesetzten Meldungen von Angriffen und von Dir immer noch nichts! Ich sagte mir wohl, die Post arbeitet jetzt langsam, vielleicht ist auch etwas verloren gegangen, aber die Sorge lastet doch. Und nun habe ich heut, am 5. endlich auch selbst von Dir Brief und Karte gleichzeitig (Poststempel vom 1. u. 2.) <von der "2" führt ein Strich zu "Brief"> Ich bin dir sehr dankbar und bin dem Schicksal dankbar, das Euch behütete. – In Gedanken folge ich Deinen Erkundungswegen, aber man muß sich wirklich fragen; wie lange
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| ist das durchführbar? Hat wohl am 26. die M.G. bei Euch getagt? –– Was gäbe ich darum, Euch aus diesem Hexenkessel entfernt zu wissen. Es hat ja doch ernstlich bald keinen Zweck mehr, den Anschein von einem Semesterbetrieb aufrechtzuerhalten. – Bei uns ereignet sich garnichts. Aber wir haben in letzter Zeit häufig Alarm, gestern z. B. dreimal: morgens, mittags und abends; aber nichts geschah. Dagegen hört man von Frankfurt, Ludwigshafen, Kaiserslautern Schlimmes. –
Seit gestern habe ich das große Packet Deiner Briefe im Haus und bin natürlich beunruhigt durch die vermehrte Luftgefahr. Ich habe die teilweise nicht gut geordneten Jahrgänge richtig gelegt, komme aber nicht zum Lesen. Doch den allerersten Brief, den habe ich mir rausgesucht, und ihn mit Erstaunen wieder gelesen. Wohl hat es mir damals großen Eindruck gemacht,x [li. Rand] x und war mir in seinen Einzelheiten gut erinnerlich, aber doch erkenne ich ihn jetzt im Rückblick erst in seiner ganzen Bedeutung; ich möchte sagen: durch und durch, während ich ihn damals nur als fremdartige Erscheinung empfand.
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Jetzt nun bin ich noch in Bedenken, wie ich mich mit dem Unterbringen am besten verhalte? Am richtigsten scheint mirs, die Sache auf die Bank und Dielbach zu verteilen. Denn das ist die größte Sicherheit, die mir erreichbar ist. Aber wo ist Sicherheit?! Wenn Otto einberufen wird, und es ist eigentlich bestimmt zu erwarten, wer steht dafür, daß Gertrud dort bleibt? Es ist eine alte Erfahrung; wie mans macht ists verkehrt. – Ich will jetzt, – vielleicht ists töricht – so teilen, daß ich jeden zweiten Jahrgang, also 4, 6, 8, u.s.w. zusammen, und 5, 7, 9 etc. zusammenpacke und auf diese Weise bliebe doch, im Falle ein Teil kaputt ginge, ein gewisser Zusammenhang gewahrt. Solltest du das unsinnig finden, so kann ich es immer wieder ändern. Bitte, gieb mir darüber Dein Urteil.
Durch die ständigen Besuche beim Vorstand komme ich nur schwer zu eigener Besinnung. Es ist recht schwer mit ihr, weil sie unberechenbar
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| ist. Am Geburtstag vormittags schien sie völlig zu versagen, erkannte niemand und war entsetzlich elend. Nachmittags, als niemand im Zimmer war, stand sie allein auf und ging an ihre Kommode, um den Kuchen dort zu versuchen, den Frau Mehner gebracht hatte. Das Mädchen kam dazu und beförderte sie wieder ins Bett. Dar Kaffee mit Frau Franz und Hedwig Mathy war gemütlich und sie unterhielt sich lebhaft. Oft freilich ist solche Unterhaltung nur ein ununterbrochenes Reden von ihr. Eine Antwort versteht und verlangt sie garnicht. Mein selbstgebackener Kuchen fand großen Anklang. Trotzdem aß sie zum Abend noch drei Kartoffelklöße.
Am nächsten Morgen erwartete ich, sie wieder so erschöpft zu finden, statt dessen empfing sie mich strahlend. Es ginge ihr sehr viel besser, sie sei zum Waschen aufgestanden mit Hülfe des Mädchens, nun werde sie wieder gesund. Heute ist aus irgend einem Grunde die Hoffnung wieder gesunken und
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| die Verständigung mit ihr fast unmöglich. Sie tut immer, als ob das Gehör versagte, es ist aber der Verstand. Sie hat ihre Bettlampe entzwei gemacht und ihre Uhr, erkärt aber, sie habe nichts daran gemacht. Es hat so etwas Aussichtsloses mit ihrer Unzurechnungsfähigkeit. Ach, nur nicht so alt werden!
Überall, wohin man hört, sind Sorgen und Nöte. Drechslers bangen um den Sohn der verstorbenen Tochter und um den wieder aktiven eignen Sohn. Etwas Gutes hat selten jemand zu erzählen. – Hermann berichtete von der Hochzeit der Inge Ruge (jetzt Gronstedt), die in Schivelbein vom RAD ausgerichtet wurde; wie er schreibt: "akirchlich, aber würdig, auf Gott und seine Weltordnung ausgerichtet". –
Auf die verschiedenste Art suche ich meine Gedanken von den Sorgen des Tages abzulenken. So habe ich einmal wieder den schönen Aufsatz über die geistigen Energiequellen im Kriege gelesen und bin lebhaft davon bewegt worden.
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| Könnte man nur daran anschließend auch einmal wieder Gedanken austauschen!
Ganz anders ist die Lektüre jetzt, die mich aber auch fesselt; David Copperfield. Eigentlich ist mir ja der englische Humor nicht gelegen, aber es ist doch sehr viel liebenswürdige und feinsinnige Schilderung in diesem Roman, daß es eine sehr angenehme Unterhaltung ist.
Hast du die Selbstschilderung von Busse gelesen? Mir scheint, er sieht sich durch eine goetesche Brille. Schrieb ich Dir, daß die Tochter meiner Waschfrau mit einem Verwandten von ihm verheiratet ist? —
Hast Du in die Bücherkiste zum Fortschicken auch den Friedrich d. Gr. mit den Menzelschen Bildern getan? Das würde mich freuen. – Übrigens wollte ich mal fragen, ob Dich der Voltaire von Strauß interessiert, und, etwa als Kuriosität, von Kuno Fischer, Schillerschriften No 3 u. 4, Schiller als Philosoph? – Seit wann ist eigentlich die Erziehung zu Ende? Ich habe noch Rechnung bekommen für Oktober bis Januar, und dachte eigentlich, da wäre nichts mehr zu bezahlen gewesen. — 6.II. früh. Jetzt will ich nur rasch noch Grüße anfügen, damit ich den <li. Rand> Brief mit zur Stadt nehmen kann. Ich schreibe bald wieder. Unablässig denke <li. Rand S. 5> ich mit liebevollen Wünschen Deiner. Bleibt gesund und widerstandsfähig, es muß doch – Frühling werden. (Augenblicklich schneit es!) Deine Käthe.