Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. Februar 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20.II.1944.
17a Gau Baden. <die Nummer wird unten von einem Halbkreis umrahmt>
Mein geliebtes Herz!
Mein Brief an Susanne vom 17. zeigte Dir, daß ich ganz ahnungslos war, welch schlimme Stunden Ihr wieder durchgemacht habt. Erst gestern, am 19. nachmittags erfuhr ich durch Deine 3 Postsachen davon: die Eilnachricht, die Karte und den Brief. – Meine Gedanken waren ständig bei Dir aber sie redeten mit Dir von dem, was der Tod von Aenne in mir aufgerührt hat. Schon der Brief an Susanne wird Dir den Grundton gezeigt haben und so ist es geblieben. Meine liebende Sorge ist bei Dir, mein ganzes Leben und Denken wurzelt in Dir, und ich leide unter der Bedrohung, die Dich umgibt, aber nicht unter der Trennung der alten Freundschaft mit dem Vorstand. Denn diese Trennung ist ja nicht von gestern, oder vom 11.II.44 – sondern ein ungelöstes Problem seit 1900. Nicht das Zusammentreffen mit Dir war schuld daran. Ein kleines Buch mit Aufzeichnungen von mir aus dem Jahr 1902
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| zeigt mir mit erschreckender Deutlichkeit, wie die Dinge schon damals standen. Aenne hat es mir jetzt zrückgegeben, vermutlich in einem ganz anderen Sinne, als es nun auf mich wirkt. Ich sehe nur daraus, welch große, rückhaltlose Liebe sie durch verständnislosen Zwang erstickt hat, wie schon damals dieselben Kämpfe zwischen uns und in mir waren, wie sie seitdem geblieben sind. Wenn jetzt die Leute rühmen, daß ich so treu für die Freundin gesorgt hätte, dann fühle ich: ja, äußerlich, aber das Beste hat gefehlt. Denn sie hat nie aufgehört, das was freie Gabe des Herzens sein muß, als verbrieftes Recht zu fordern, und das erstickte jedes Gefühl in mir. – – – –
Vieles möchte ich fragen über die Einzelheiten Eurer schrecklichen Erlebnisse, über die Art, wie Ihr den Aufenthalt im Keller eingerichtet habt – aber Du gibst mir ja schon so viel Auskunft, daß ich zufrieden sein will. Von den Freunden schreibst Du diesmal nichts: Glasenapps, Meineckes, Frl. Koch –? Im Dohl [über der Zeile] No 5a wohnt jetzt auch Irmgard, Hermanns Älteste. Von ihr und meiner Schwester hörte ich naturgemäß noch nichts. – Habt Ihr noch die Möglichkeit warme Zimmer zu bekommen? "In keinem Zimmer sind alle Scheiben entzwei", aber
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| aber es genügt ja, wenn eine entzwei ist, daß der ganze Raum auskältet; besonders jetzt, wo es unter 0° ist.
Am Montag, bei der Trauerfeier für Tante Aenne hatten wir zum erstenmal täglich Schnee und Glatteis. Das hat aber nicht gehindert, daß etwa 25 Personen da waren. Bei mir ist es auch ohne zertrümmerte Fenster meist ziemlich kalt. Die Wirtsleute sitzen in ihrer Küche bei der Heizung, aber die übrige Welt merkt nichts von der Wärme.
Immer und immer kreisen die Gedanken um die drohenden Möglichkeiten erneuter Angriffe. Ist denn in Dahlem noch immer nicht das Wichtige getroffen?! Bei uns ist vorläufig noch kein unmittelbares Anzeichen von Gefahr. Mehrmals hatten wir wieder Voralarm, heute nacht von ½ 4–5, ich schätze also, daß Frankfurt wohl das Ziel war. Anna Weise ist nun zum Glück nicht mehr dort. Sie war rührend gefaßt und ruhig. Es ist doch keine Kleinigkeit, so alles im Stich lassen zu müssen. Und wird uns das nicht auch bevorstehen? Was dann? Wenn doch irgendwo eine Entscheidung käme!

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21. früh. Also um 3½ heute nacht Vollalarm und gleichzeitig begann der Einflug über die Rheinebene ununterbrochen. Geschossen wurde nicht, es ging wohl zu hoch über uns nach Süden. Karlsruhe, Straßburg? Allmälig wurde es stiller; und dann kam es zurück, brausend wie vorher, bis es ganz versiegte und nur noch einzelne Flugzeuge kamen und die Flak bellte etwas hinterher. Ich habe die ganze Zeit in meinem kleinen Korridor gesessen, dick eingemummt und viel Zwieback gegessen, denn ich habe immer argen Hunger bei solch nächtlichen Unterhaltungen und finde, man übersteht es besser, wenn man was im Magen hat. Sobald man merken würde, daß es in der Nähe ernst wird, ginge ich natürlich mit Sack und Pack in den Keller.
Jetzt nur noch viele innige Grüße in beständigem Gedenken. Wärt Ihr doch in Schloß Hardenberg, ich wäre ruhiger. – Bleibe gesund und tapfer, wir wollen doch die Kraft unseres Glaubens beweisen.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Noch habe ich mit dem Nachlaß zu tun. Wann werde ich nach Dielbach können?!