Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. März 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8.III.44.
Mein geliebtes Herz!
Vielleicht sind diese Zeilen bis zum 12. bei Dir und sagen Dir von meinem Gedenken, das für mich zu den ganz ungetrübten gehört. – Es wird Dir mein intensives Verweilen bei dem Gefühl der unüberwundenen Konflikte im Verhältnis zum Vorstand in dieser Zeit so unmittelbarer Not unzähliger Menschen gewiß unverständlich gewesen sein. Aber wie so oft schon hat mir Dein lieber, feinfühliger Brief vom 22.II., (der trotz der frühen Absendung doch verspätet ankam!) wohlgetan und geholfen, den Ausgleich von der verklärenden Kraft der Erinnerung zu erhoffen. Es war eben doch ein zu wehleidiges Stück meines Lebens in diese Beziehung verflochten, als daß ich leicht damit fertig würde. Und es steckt ein zu großes Stück eignen Versagens darin, als daß es mit einer gerechten Würdigung ihres
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| Wesens getan wäre. Dieses Bild aber, von dem Du so lieb schreibst, das wird allmählich immer klarer erstehen.
Eine wirkliche Geburtstagsstimmung aber gab mir das Lesen Deiner Briefe an den Onkel Senewaldt. Es war ja überwi[über der Zeile] egend Alarm am 25., nachts, morgens, mittags – zu allen Zeiten. Und da habe ich mich in den 25. hinein gelesen, da es nicht nötig war, in den Keller zu gehen, ich aber dann angezogen auf dem Bett zu liegen pflege. Wie lebendig wurde mir die alte Zeit aus diesen Briefen, die mir Dein Jugendbild vor die Seele zauberten. Du hast mir sehr glückliche Stunden damit bereitet, und es ist für mich durchaus nicht so, daß jene Tage nur manchmal ungetrübt waren – es war manches Schwere dabei, aber wir trugen es ja gemeinsam. Es liegt auf all dieser Vergangenheit ein unvergänglicher Glanz, denn es strahlt aus ihr – damals wie heute noch – die Kraft alles überwindender Liebe. –  –
Unmittelbar nach dem 25. setzte die Arbeit
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| an dem Nachlaß ein, Gertrud Winter kam für 2 Tage und wußte mir schließlich die Hauptarbeit aufzuschwatzen. Ich habe unzählige Päckchen zu machen, Briefe zu schreiben, Möbel zu verkaufen, Geschenke auszuteilen. Aber es wird ja nun bald ein Ende damit haben.
Aus der unerfreulichen Monotonie dieser Tage ist mir eigentlich nur wenig erinnerlich. Ständig aber begleitet mich der Druck der Sorge um Euch. Kaum war ich durch die rasche Karte von Susanne etwas beruhigt, nun ist schon wieder der Terrorangriff gewesen! Von meiner Schwester habe ich seit dem 23. keine Nachricht mehr, aber was mir hier die Dame im Landfriedstift mitteilte: "Ruges hätten alles verloren, und beide Kliniken seien zerstört" – war offenbar eine Sensationsnachricht. Die genaue Kenntnis der Umstände ließ mich anfangs
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| fürchten, es sei wirklich so, aber dann überlegte ich mir, daß ich dann doch direkte Nachricht haben würde und da Susanne schrieb, daß seit dem 15. kein Angriff war, wurde ich wieder ruhiger, und nun ist wieder dieselbe Sache – – wie lange noch?! –
Ob mein Päckchen mit den Patiencekarten ankam?
Gesten abend war Dr. Henning zum Essen bei mir. Der Arme ist noch immer in einem Interimszustand und hat keine Aussicht auf Besserung. – Frau Buttmi und die anderen Freunde nehmen sich meiner sehr treulich an, und im übrigen hoffe ich, jetzt wieder mehr "ich selbst" zu sein. Es ist so lähmend, wenn die Hälfte der nötigen Arbeit ungetan bleibt!
Es verlangt mich sehr nach einem Lebenszeichen von Dir. Wie mag der Angriff bei Euch verlaufen sein? Daß Ihr auch ausgerechnet in Dahlem wohnt! – – Sei innig gegrüßt und habe noch besonderen Dank für Deinen lieben Geburtstagsbrief. Mir ist als wären <li. Rand> nicht zwei, sondern 10 Wochen seitdem vergangen. Auch an Susanne herzliche Grüße.
<Kopf>
Immer Deine Käthe.