Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. März 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.III.44.

[von fremder Hand] 14.III eing
Mein geliebtes Herz!
Dank für Deine beiden beruhigenden Karten vom 6. und 8.III., die sehr rasch bei mir ankamen. Es ist mir lieb, daß es für Euch durch den Aufenthalt in einem Bunker doch etwas weniger angreifend ist. Aber für die Nacht wird das wohl nicht erreichbar sein? Wir hatten in letzter Zeit auch verschiedentlich Alarm, aber es kam nichts in die Nähe. Das Wetter ist stundenweise frühlingshaft, aber dann gibt es wieder nassen Schnee und Wind, trübe Atmosphäre. Ebenso trübe liegt noch immer die Erledigung für den Nachlaß auf mir. Leute zum Kauf sind dagewesen, noch ist nichts definitiv abgeschlossen, und im Zimmer ist eine trostlose Unordnung. Wenigstens ist jetzt alles sortiert; es ist ja unglaublich, was in so einem Zimmer
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| stecken kann. Und bei mir wäre es noch viel schlilmmer. Wenn ich dann einmal wieder an eigne Sachen kommen werde, will ich doch möglichst lichten!
Etwas Schönes ist unvermutet zu Tage gekommen: ein ganzer Packen Briefe von Dir, der sich mit andern [über der Zeile] BriefBündeln in einem Koffer auf dem Speicher fand. So werde ich eben durch lauter liebe Briefe von Dir so lebhaft in die Vergangenheit versetzt. Freilich ein Brief ist dabei, den ich allerdings nicht kannte, und der einen dunklen Punkt berührt. Er ist von 1912 und handelt von dem Thema, das dauernd mein Leben beschatten sollte. Der Brief ist trotz aller Deutlichkeit und Schärfe so lieb und zeigt den Weg, der aber – leider – nicht gegangen wurde. Es war eben gegen ihre Natur. Es dauerte [über der Zeile] damals ja schon 10 Jahre , daß ich dagegen mich auflehnte. Du hast mir neullich so tröstlich von der aus
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|gleichenden Kraft der Erinnerung geschrieben, und etwas weiter bin ich damit. Aber es ist eben doch auch ein Schuldgefühl dabei, mit dem ich nicht so schnell fertig werde. Ich konnte dem Vorstand auch nicht verzeihen, daß sie dem Ideal nicht entsprach, das ich mir von ihr gemacht hatte. Es geht wohl oft so, daß man in andern als selbstverständlich voraussetzt, was man selbst hat, und nur das sieht, was er mehr hat, als man. Und sie hatte gerade diese leichte, heitere, vertrauenheischende Art, die jeden glauben machte, sie verstände gerade ihn besonders, die in den Jahren so bald nach meines Vaters Tode meiner verschlossenen, schwerlebigen Natur so wohltat. Ich kann mich so schwer zurückversetzen in diese Situation, weil sie sich so von Grund aus veränderte. Aber ich will der Dankbarkeit eingedenk bleiben, daß sie damals mein stummes, in Leid versunkenes
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| Wesen löste. Und wieviele lebendige Anregung hatte ich immer im Hause Knaps!
Aber daß ich jetzt garkeinen wirklichen Schmerz fühle, das ist es, was mich bedrückt. Ich habe diesen Abschied ganz bewußt erlebt, wie ich ja überhaupt meiner Natur nach lebe, und bei allem lege ich gewissermaßen Dir Rechenschaft ab. Wenn ich auch seit langem keinen Brief mehr schrieb, der davon redete, so lebe ich doch eigentlich immer "in Deiner Gegenwart." – So habe ich in der Nacht, als ich ihre Fieberphantasien bewachte mit hoffender Seele auf ein Wort gewartet, das hinübergewiesen hätte in eine andre Welt. "Wie schön, diese Farben –" das war alles, was nicht ganz gegenwartbezogen war. – Und dann zuletzt, am 11. als ich ihre Hand hielt, ist sie einfach ausgelöscht, wie ein Licht.
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| Schrieb ich Dir, daß ich den AEI-Ring wieder trage? Ich zog ihn von ihrem Finger, und nach einer Weile steckte ich ihn wie unter einem Zwang an meine Hand. Jetzt ist es natürlich eine beständige Mahnung. Und – wie schrecklich – noch immer meine ich, trotz allem Waschen, es hafte ihm dieser entsetzliche Leichengeruch an. –
Von meiner Schwester hatte ich eine Karte vom 7.III., sie sei nicht betroffen, auch Irmgard (im Dohl) gehe es gut. Nun ist ja aber noch ein weiterer Angriff gewesen. Es ist ein beständiger Wechsel von Sorge und Beruhigung mit Euch lieben Berlinern.
Dr. Drechsler ist jetzt, nach einem Ausbildungskurs in Südfrankreich nach Italien gekommen. Die Schwester konnte ihn auf der Durchreise sehen. Sonst ereignete sich im Bekanntenkreise nichts, aber in der Zeitung
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| nehmen die Traueranzeigen kein Ende.
Über das Heim ist nun endgültig beschlossen, daß die Damen in die Nähe von Weißenburg kommen. Sie werden aber nur zu zweit ein Zimmer bekommen. – Wie lange werde ich noch in meiner Behausung unbehelligt bleiben?!
Ist es Rache dafür, weil ich in den Tagen der Sorge versäumte, die Geburtstagsbriefe und das [über der Zeile] BriefPäckchen zu erwähnen, daß ich nicht erfahren kann, ob die Patience-Karten und dergl. ankam? Um die Karten wäre mirs leid, obgleich sie schon sehr verbraucht waren; man bekommt keine mehr. –  – Wie gern hätte ich am 25. Deinen Vortrag über den Beruf des Arztes gehört! – Und was wird Kayßler Euch lesen?? – Ich habe jetzt genug Shakespeare, manches ist doch zu scheußlich und mit Recht unbekannt. –
Jetzt bringe ich (21,30) diesen Brief in den Kasten in der von der Tannstraße, daß er morgen früh um 6 fortgeht. Wann wirst Du ihn bekommen? – Meine Grüße eilen ihm voraus und hoffen Dich wohlbehalten anzutreffen. In stetem liebevollem Gedenken, <li. Rand> und herzlichen Grüßen auch für Susanne, Deine Käthe.