Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. April 1944 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 4.IV.44.
Mein liebes Herz!
Nun seid Ihr also – leider – wieder von Neu-Hardenberg zurück, wo ich Euch so viel lieber wußte als in dem schauerlichen Berlin. Das Wetter war freilich nicht für eine "Frühlings"-erholung angetan, denn auch hier haben wir noch häufig Frost, periodische Aequinoctialstürme, Regengüsse und – stundenweise – wundervoll warme Sonne. Sonst ist eigentlich nichts von hier zu erzählen. Doch – ja : am Sonntag war ich auf geschenktem Billet in einer sehr schönen Aufführung der Matthäus-Passion. Ich blieb allerdings nur zum ersten Teil, denn es war mir doch zu anstrengend die vielen Stunden auf dem harten Stuhl, weil ich immer noch den Sturz von vor 2 Wochen in meinen Knochen hatte. Seitdem ist es damit aber nun merklich beser geworden. Du hast sehr recht, daß man in solcher Dunkelheit nicht ausgehen sollte. Es war auch nicht mein Programm, aber Rösel Hecht nötigte mich, auf sie zu warten. Und du weißt ja, daß man mit ihr leicht in
[2]
| Conflikt gerät, und das will ich nicht gern.
Nach einer Zeit häufiger Alarme bei Tag und Nacht hatten wir jetzt mehrere Tage Ruhe, was man sehr wohltuend empfindet. Denn obgleich ich ja eigentlich garnichts leiste und auch nicht krank bin, fühle ich mich doch sehr, sehr müde. So bin ich zu meiner früheren Haupt-Schreibezeit des abends so unfähig, daß ich ratlos vor dem Papier sitze und lieber meinen schmerzenden Augen dann die Ruhe gönne. Auf die Weise versumpfe ich jetzt völlig, und es verlangt mich vergeblich nach so vielen Nachrichten, da ich selbst die Briefe schuldig bleibe.
Daß diese Zeit der Heiratsepidemie Euch um die Hälfte des wohltuenden Aufenthaltes in Schloß Hardenberg bringt, ist mir sehr schmerzlich. Nach dem Seminar hätte auch der Student mal sehen können, und in einem Notfall wärst Du rasch in Berlin. Aber Du bist nun mal dafür, Dich zu kasteien.
Über die Verlobung von Mariannchen hattest Du noch garnichts geschrieben. Ging
[3]
| das auch so plötzlich wie bei meinen Nichten? Sie ist ein so sympathisches Menschenkind, so liebenswürdig-heiter trotz ihrer Schwerhörigkeit, daß ich ihr einen recht guten, liebevollen Mann wünsche.
Draußen bemüht es sich, das bewußte Frühlingsgewitter herzustellen, das endlich die Wärme bringen soll. Aber wir hatten schon mehrmals derartige Versuche, die aber nicht ausreichten. –
Wie ist es eigentlich mit Deiner Bibliothek geworden? Ist sie weg? Kommt sie weg? Es ist damit so eine eigne Sache. All die Dinge, die man nach außerhalb in Obhut gibt, sind damit eigentlich schon unerreichbar. –  – Auch eigentliche "Briefe" sind unerreichbar geworden. Ich hatte eigentlich gehofft auf Neu-Hardenberg würde sich mal wieder Zeit dazu finden. –  –
Wie ist es mit Deiner Schulter? Hast Du das Gelenk gut warm gehalten? Mit
[4]
| Wolle oder Katzenfell, das hilft entschieden.
Von meiner Schwester hatte ich nach den beiden letzten Angriffen Nachricht. Es war weiter nichts passiert, als daß die vernagelten Fenster wieder eingedrückt waren. Am Montag, also gestern, sollten sie sogar wieder Glasscheiben bekommen. Dagegen ist Carls Klinik in Schöneberg stark mitgenommen und keine Sprechstunde mehr möglich. – Wie oft fällt mir jetzt eine Deiner scherzenden Redensarten ein, z. B.: "zu haben, als hätte man nicht!" Dazu erzieht uns jetzt das Leben ganz ernstlich!
Jedoch von dem, was man denkt, zu schreiben ist wenig ersprießlich. Aber von Tatsachen habe ich doch auch manches vergessen zu erwähnen, so: daß ich zweimal bei freundschaftlichem Zusammensein Deinen wundervollen, feinen Aufsatz über die geistigen Energiequellen das Krieges vorgelesen habe, und daß wir damit jedesmal eine sehr schöne Stunde hatten. –
Grüße Susanne herzlich und sei Du selbst <li. Rand> mit treuen Wünschen und schmerzlichem Entbehren gegrüßt von
Deiner Käthe.

[5]
|
Eine gute Pension in der Nähe der Schule würde 150 M monatlich kosten.
Aber Fräulein Lampert wünscht von ihren Schülerinnen eine intensivere Beteiligung für den ganzen Tag, auch Teilnahme an den gemeinsamen Mahlzeiten, bei denen Gedanken und Erfahrungen besprochen werden. Diese Lebensweise ist äußerst einfach, denn sie lassen das Essen aus der Volksküche holen. Abends, glaube ich, versorgt man sich selbst. Das wird
[6]
| natürlich nicht so teuer, denn ein gutes Zimmer wäre für 35–40 M zu haben, und so kämen die Unkosten für den Monat etwa auf 100–120 M.