Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. April 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.IV.44.
Charfreitag.
Mein geliebtes Herz!
Wie froh und dankbar hat mich Dein lieber Brief vom 5. gemacht; am 20. abgestempelt in Berliln N.W.7. und heute vormittag hier schon im Haus! Das ist ganz wie sonst. Bisher mußte man sich gewöhnen, daß Nachrichten in die Ferne, und wenn sie noch so dringend wären, nicht mehr zu geben sind. Allerdings etwas ist wirklich nicht angekommen, und das ist eine Sendung im Akademie-Umschlag. Es schien mir schon nach irgend einer Äußerung in Deinen Nachrichten, daß irgend etwas fehlen müsse. Aber ich versäumte, danach zu fragen. Das wäre zum erstenmal in unsrem langen Briefwechsel, daß etwas verloren ginge! Vielleicht aber kommt es noch. Wann und wo wurde es abgeschickt? – Karten von meiner Schwester hatte ich vom 22. 26. u. 28. – seitdem war hoffentlich kein größerer Angriff mehr?
Ich bin wirklich erfreut, daß Ihr nun doch noch in Neu-Hardenberg bleiben werdet. Ich
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| denke mit Beruhigung daran, daß Ihr heute schon wieder dort seid, und ich fühle, wie wohltuend es für Dich ist. Schade, daß das Semester so bald beginnt, du könntest eine längere Muße und Arbeitsruhe gebrauchen.
Der liebe Osterbrief war ein rechtes Heilmittel für meine mißmutige Seele. Es war in letzter Zeit vieles verquer gegangen, und gerade gestern war eine übler Tag. Nachdem ich von längerem Aufenthalt im Dorf mit Anstehen für Fleisch, Milch, Post etc. zurückkam, war in meinem Briefkasten die Ankündigung von einem Paket aus Dahlem. Also hieß es: wieder zur Post, und was war es? Die Kiste mit den leeren Flaschen und "herzl. Gruß" auf dem Abschnitt. Da war ich recht enttäuscht, denn unwillkürlich hatte ich irgend ein Lebenszeichen erwartet. Es war töricht, ich weiß! Aber manchmal ist man eben trostbedürftig. – Ich mußte dann noch in die Stadt und am Nachmittag wieder, weil man nie auf Anhieb erreicht, was man will. So war ich abends totmüde, und dann kam
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| noch Alarm. Aber ich habe dafür mit einem gewissen Trotz bis 8 Uhr geschlafen und nun kam noch Dein lieber Brief, das war wie ein milder Frühlingsregen, so daß ich wieder auflebe. Den ganzen Vormittag hatten wir wunderschöne warme Sonne, so daß man endlich mal wieder bei offnen Fenstern existieren konnte. Kann man von Schloß Hardenberg aus irgend lohnende Spaziergänge machen? Weißt du noch, wie gern du früher auf Landstraßen gingest? Nach Ketsch, Speyer etc.! Mir ist die Natur förmlich fremd geworden, denn ich bin seit langem nicht mehr in den Wald gekommen. Nur die Rohrbacher Landstraße gehe ich manchmal,wenn es nicht garzu schlechtes Wetter ist, denn die Fahrt in der Elektrischen ist eine Tortur.
Bei Frl. Seidel hatte ich neulich ein sehr behagliches Teestündchen. Sonst war ich nicht mit Bekannten zusammen. Man erfährt dabei auch eigentlich nur Trauriges, und im Grunde bangt man beständig vor neuem Leid. – Schrieb ich Dir, daß ich von Lili Scheibe
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| erfuhr, der Prof. Schulze (Königsberg) aus Merseburg sei bombenvernichtet? Wie lange, lange ist das her, daß wir damals so fidel auf der Saale ruderten.
Wo sollen nur schließlich all die bombengeschädigten Menschen bleiben? Hermann schreibt z. B., daß sie nur noch 2 ihrer Kinder gleichzeitig bei sich aufnehmen können, und die müssen im Wohnzimmer kampieren, weil aller andere Raum besetzt ist. Da hören bald alle Lebensbedingungen auf. –  – Wie schön, daß Du jetzt mal die Weiträumigkeit eines Schlosses genießen kannst; denn zu Haus habt ihr ja auch alles beengt.
Es ist meine Hoffnung, daß ich jetzt nach Beendigung der Nachlaß-Ordnung und mit Beginn der besseren Jahreszeit wieder zu mir selbst kommen werde. Auch die nachhaltigen Schmerzen von dem Sturz sind jetzt überwunden, also will ich das Meinige dazu tun, daß ich wieder ein brauchbarer Mensch werde. Es ist ja Osterzeit, Frühling, Auferstehung! Und mit solchen Gedanken grüße ich Dich innig, mein Lieb. – Ich wünsche Euch noch viel gute Tage in Neu-Hardenberg. Wie immer
Deine Käthe.

[li. Rand] Ob mein Brief nach Dahlem schon dort war, als Ihr zur Hochzeit da wart?
[li. Rand S.3] Auf die Sparkasse werde ich nächster Tage mal gehen. Vielen Dank! Aber Du hättest dorthin lieber nichts mehr schicken sollen, es ist so viel da. <li. Rand S. 2> Der April ist überhaupt die Zeit der Renten!
[li. Rand S. 1] Ich stehe noch unter dem Eindruck der Matthäuspassion – – – der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach –