Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. April 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20.April 1944.
Mein liebes, liebstes Herz!
Ich will doch versuchen, ob diese Zeilen mal wieder zum Sonntag zurecht kommen, wenn es freilich auch wieder kein "richtiger" Brief wird, sondern nur ein inniger Gruß und ein kurzer Bericht. Für Dein liebes Schreiben vom 12.IV. danke ich Dir sehr und möchte nur versichern, daß ich wirklich nicht "drängeln" wollte, daß ich aber meine Klage aufrecht erhalten muß, und Daß du ja im Grunde ebenso denkst. Es sind eben äußere Gründe, die es verhindern, daß unser Briefwechsel der Austausch sein könnte wie sooft. Vor allem ist zwischen Schreiben und Antwort ein unberechenbar langer Zwischenraum; dann ist vieles der Mitteilung entzogen; dann ist bereits das, was ich unwillkürlich zu Ostern erhofft hatte, wie sich herausstellt, verloren gegangen; dann wollte ich Dein Mitleid erwecken, daß ich extra von neuem den Weg
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| ins Dorf machen mußte, um – lahm wie ich war – die schwere Kiste heimzutragen; dann freilich war ich auch etwas enttäuscht, daß nicht wenigstens ein paar Zeilen von Susanne im Paket waren, denn es ist nun mal so, daß ich das jedesmal von neuem hoffe, wenn ich außen ihre Handschrift lese. Ich verfalle aber jedesmal wieder diesem anspruchsvollen Wunsch.
Eine ganz schmerzliche Enttäuschung aber ist mir, daß das große, inhaltsreiche Kouvert nicht ankam. Ich höre wohl, mit welch unermüdlichem Fleiß Du beständig arbeitest, aber von den Resultaten ist mir nichts zugänglich. Über alles, was um Dich vorgeht, gibst du mir getreulich und viel Bericht, aber vom Inneren kann dabei nicht viel sichtbar werden. Das ist nur natürlich aus fünferlei Gründen. Aber es ist sehr schwer für mich in der Ferne, denn es ist ja keine Möglichkeit eines Wiedersehens, je länger, desto weniger.
Als jetzt so wundervolle Frühlingstage bei uns
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| hier den ganzen Blütenzauber erweckten, dachte ich bei mir: wenn ich jetzt Du wäre, dann würde ich allen Hemmnissen zum Trotz für 3 oder 4 Tage einfach nach Heidelberg fahren! Ich würde es – das weiß ich! Und hier fändest du immer auf alle Fälle ein Unterkommen und was zu essen! Das Übrige – na, das kennst Du! Oder hast Du vergessen, wie schön es hier ist?
Auch meine Briefe sind nicht, wie ich sie Dir wohl schreiben möchte. Ich war von den Erlebnissen seit Mitte Dezember seelisch sehr mitgenommen. Und das Resultat in mir, die kühle Gelassenheit erschreckte mich und ließ mich an mir selber zweifeln. Bin ich treulos, undankbar, egoistisch? Ich kann alles in allem nur empfinden, daß es gut ist, nun diese Pflicht los zu sein, die überwiegend als drückend in meiner Erinnerung steht und nur durch bewußte Besinnung auf manches Gute gemildert wird. Ich möchte wohl anders, aber gegen das Gefühl kann man nicht an.
Mehrmals habe ich jetzt aller drängenden Arbeit zum Trotz Spaziergänge gemacht. Am Donnerstag, d. 13 mit Frl. Mathy nach dem
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| Siebenmühlental Annemonen gesucht. Am Sonntag, d. 16. mit Frl. Seidel zur Strahlenburg, am Mittwoch, d. 19. (gestern) mit Rösel Hecht durch die blühenden Obstgärten um Handschuhsheim, mit den duftig blauen Bergen im Hintergrund, und heute mit Kirchenrat v. Schoepffer hier über dem Dorf beim "roten Buckel" (wo wir einmal bei Abendsonne von den drei Eichen herunterkamen) und durch den kühlen Grund zurück. Der alte Herr kommt gar nicht heraus, weil seine Frau mit Herzgeschichten zu Bett liegt und seine Schwägerin das Bein gebrochen hat. Es war sehr hübsch, mit ihm zu gehen, und er sagte mir einige Worte, die ihm in diesen Frühlingstagen eingefallen waren. Er ist durch seine Behinderung – er ist fast taub und beinah blind, – sehr viel untätig und dabei immer liebenswürdig und still befindlich, von feiner, etwas zarter Bildung.
Am 1. Mai sollst du in Stettin sein! Es ist mir eigentlich kein angenehmer Gedanke, Dich unterwegs zu wissen; aber es ist auch nicht besser, Dich in Berlin zu wissen. Gerade heute ist man
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| wieder besonders besorgt um Euch dort.
Ich habe übrigens nicht gemeint, Schulze sei in Merseburg Professor, sondern wußte ihn in Königsberg, aber er stammte aus Merseburg und ich habe ihn dort in unsrer Jugend kennen gelernt. Wo ihn der Tod ereilte, weiß ich nicht. Schrieb ich, daß Dr. Drechsler jetzt in Italien ist? Elisabeth Vetter fragte, ob Du ihr wohl raten könntest, wie sie am besten Spemanns National-Literatur verkaufte? Sie hat mühsam einen Teil ihrer Habe aus der Konstanzer Straße gerettet. – Alarm hatten wir tageweise reichlich, vorige Woche war es an einem Tage 6 x. Jetzt ist meist nur Voralarm, aber dann fragt man sich immer, wo gingen sie hin?
Nächste Woche habe ich nun endlich den energischen Wunsch, vom 28. oder 29. für einige Tage nach Dielbach zu gehen. Das wäre etwa bis zum 2.V. Hoffentlich führe ichs durch. –  – Es ist da auch noch immer der große Kasten hinzubringen, in dem ich die Mehrzahl deiner Schriften verstaut
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| habe. D. h. ich muß ihn teilen, denn so, wie er jetzt hier steht, kam ich ihn nicht tragen! Ob er dort sicher ist?? Wer kann es wissen! Hoffentlich kommt Deine Bibliothek bald in Sicherheit. Dort wird ein relativ sicherer Keller sein.
– Du fragst nach Vater Weltes Geburtstag. Der war am 14. April, wir haben ihn also verpaßt. Immer, wenn ich jetzt die jungen Kastanientriebe sehe, denke ich an das Jahr, als sie auf unsrer Reichenau erfroren. Das war wohl damals als Du die Korrekturen der Lebensformen lasest. Und jetzt werden also die Goethe-Aufsätze neu gedruckt! Das freut mich ganz besonders!
Nun sei mir viel- vielmals gegrüßt und laß Dir nochmals danken für Deinen lieben Brief, den du mir trotz der kleinen Verärgerung schriebst. Ach, denke Dir, heute habe ich das Messer, das ich ungefähr 22 Jahre immer in der Tasche trug, verloren. Hast du nicht eins, das Du an mich ablegen könntest? Ich schnitt Schlehenblüten für die kranke Frau v. Sch., und dabei ists mir irgendwie abhanden gekommen. Alles Suchen war vergeblich. –  – Nun aber gute Nacht! Es ist spät, aber ich will doch noch zum Briefkasten! Wie immer
Deine Käthe.