Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. April 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.IV.1944.
Mein liebes Herz!
Das Paket soll womöglich noch fort, darum nur rasch noch einen Gruß. Ich war sehr froh und dankbar für die schnelle Erfüllung meines Wunsches. Das Messer ist schon vorgestern eingetroffen. An Susanne schreibe ich bald selbst. Morgen möchte ich also nach Dielbach, wenn es geht. Nachsenden hat wohl wenig Zweck für die 3 Tage, also hoffe ich, daß nichts Störendes kommt, was eilige Nachricht verlangt. Man hat sich ja gewöhnt zu warten. Seit heut ist bei uns weniger Alarm. Seit Montag auf Dienstag war es überhaupt nicht mehr in der Nähe.
Die Stärkungsmittel sollen Dir recht gut bekommen und sich in neuen
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| Mut umsetzen. Ich will das bei den Freunden in Dielbach suchen. Inzwischen, bis dies zu Dir kommt, wirst du ja noch mehr Nachricht von mir haben.
Ich grüße Dich innig!
Deine Käthe.

1.Mai früh morgens.
Du meinst, ich hätte kein Verständnis für Eure Lage. Wohl habe ich noch keinen Terrorangriff in nächster Nähe mitgemacht. Aber auch hier kann man täglich ein plötzliches Ende nehmen oder nur sein letztes Hab und Gut verlieren. Die Zerstörung in Nauenheim war neulich weit größer, als ich erst annahm. Es gab mehrere Luftminen, von denen eine ein ganzes Haus dem Erdboden gleich machte, dessen Bewohner nur tot geborgen wurden. Aber ganz abgesehen von diesen Zufällen ist in mir seit Jahren, eigentlich wohl seit unserm letzten Abschied von der Reichenau (auf der Bank am Bahnhof Konstanz) beständig das Bewußtsein der Vergänglichkeit gegenwärtig. Und es rückt ja auch uns gerade jetzt die Bedrohung fühlbar näher. Und da trieb in mir der Kontrast mit der Schönheit dieser verhängnisvollen Welt eine leidenschaftliche Auflehnung hervor, nur einmal noch dieser Zerstörung der Außenwelt zu entfliehen. Es ist die Weltuntergangsstimmung, ich weiß wohl. Aber ist sie nicht natürlich? Täglich geht man in gefaßter Ruhe dahin, aber manchmal kommt ein Moment der Auflehnung. Gerade weil ich weiß, wieviel größer bei Euch die Bedrohung ist, leide ich so sehr darunter, so unerreichbar fern davon zu sein. - Daß Du Susanne nicht allein lassen willst, ist selbstverständlich. Aber sie ist doch auch in Hardenberg mit Dir gewesen.
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Es sind also die Besitztümer, die einen festbannen und die doch vielleicht nicht zu retten sind. Seit Jahren geht man nur mit dem Gedanken aus der eignen Wohnung: Wie werde ich sie wiedersehen? Läßt man sich nicht allmählich immer mehr von diesen Dingen los? Auch darin ist eine Wellenbewegung, und der Kampf um Ergebung in das Unvermeidliche beginnt immer wieder von neuem. Auch ich will ihn ihm nicht versagen. Aber manchmal scheint es mir, als wäre diese Überwindung ein allmähliches Abtöten. - Nur etwas ist nicht von all dem Untergang zu berühren, das ist meine immer gleiche Liebe. Möchte sie Dir doch, ungegrübt von ungeschickten Äußerungen, immer fühlbar sein.
Gerade weil ich so tief die Sorge um Berlin empfand, hatte ich im Anblick all dieser Blüten den Wunsch, Ihr könntet - das auch für Stunden wenigstens sehen. Es war wie ein Blick in eine anedre Welt. Glaube nicht, daß ich Eure Nöte unterschätze, nur einmal möchte ich sie abschütteln! - Hier oben habe ich tief geschlafen wie lange nicht und habe so glücklich von Dir geträumt, obgleich auch da das Bewußtsein der gegenwärtigen Not nicht ausgelöscht war. Und mit diesem Eindruck möchte ich diesen Brief erfüllen und Dir Dank sagen in <li. Rand> treuer Liebe und frommer Gefaßtheit. Morgen schreibe ich an Susanne. Euch beiden viele Grüße von Deiner Käthe.