Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. April/1. Mai 1944 (Dielbach)


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! Heidelberg. [unter der Zeile] Dielbach 30.IV.1944.
Mein geliebtes Herz!
Das ist ja wirklich ein ganzer Rattenkönig von Mißverständnissen und ich bin sehr traurig darüber. Niemals habe ich in meinen Gedanken Dir den Vorwurf gemacht, Du habest nicht genug an mich geschrieben, sondern ich klagte darüber, daß in natürlicher Folge der Verhältnisse unser Briefwechsel die besinnliche Innerlichkeit der Mitteilung verloren hat, die sich früher darin aussprach. Du selbst hast es einmal auch geschrieben. Ich hatte mir gedacht, in Hardenberg würdest Du mal diesem Druck der Berliner Not entrückt sein, aber dazu war die Zeit viel zu kurz. – Von allen Tatsachen hast Du mich immer so genau und anschaulich unterrichtet, daß ich sehr eingehend teilnehmen konnte. Und ich habe teilgenommen, täglich, stündlich, und mit sorgender Seele. Ganz besonders beklagte ich auch, daß [über der Zeile] in Euern Aufenthalt in Neu-Hardenberg einen so bedauerlicher Unfall und Schrecken vor dem Abschluß fallen mußte. –  –
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Daß ich von meiner Enttäuschung beim Empfang der Weinkiste schrieb, war ebenso wenig eine Anklage, sondern ich schilderte Dir die Umstände nur, um ein wenig bedauert zu werden. Es war ja solch eine gedankenlose Vorstellung von mir, daß es ein Ostergruß sein könnte, denn ein Packet konnte ja nicht bei den heutigen Postverhältnissen so auf den Tag pünktlich eintreffen. Ich sagte mir das auch bei ruhiger Überlegung und schrieb das nicht extra dazu, weil Du das ja von selbst denken würdest. Das Einzige, was ich wirklich als Mangel empfand, war das Fehlen von ein paar persönlichen Worten Susannes. Es ist ein unberechtigter Anspruch, wie ich einsehe, denn sie hat ja oft nicht die Zeit dazu. Aber schließlich war es doch nur ein liebevoller Wunsch von mir, der jedesmal neu in mir aufkommt, wenn ich außen ihre Schrift sehe. Dann packe ich eilends aus und suche. Aber ich könnte ja nachgerade klüger geworden sein. Gerade weil ich selten von ihr höre, freut es mich [über der Zeiel] stets doppelt, wenn sie mir schreibt.
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Die Vorstellung, daß mir das Zurücksenden der Kiste nicht recht gewesen sein könnte, ist mir sehr sonderbar. Ich hatte sie schon vermißt, da der Weinhändler nur 1–2 Flaschen in Ausicht gestellt hatte (die freilich noch nicht in meinem Besitz sind). Nur die Wirkung des Eintreffens für mich hatte ich geschildert, die zur Hälfte durch meine eigne konfuse Erwartung hervorgerufen war, zur Hälfte durch äußeren Zufall. Aber alles erzählte ich Dir nicht, um irgendwen anzuklagen, sondern nur so, wie ich dir Angenehmes und Nichtangenehmes aus meinem ereignislosen Leben berichte.
Ganz unbegreiflich aber ist mir, daß ich geschrieben haben soll: ich allein sähe nichts von Deinem Arbeiten! – Das habe ich nie auch nur entfernt gedacht; es wäre auch einfach erfunden. Ich kann geschrieben haben, daß ich hier sehr allein bin; daß ich durch
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| Deine Mitteilungen von unablässiger Arbeit höre, daß aber der Ertrag dieser Arbeit für mich nicht erreichbar ist. Nur überschriftsweise hörte ich von einem Vortrag für Mediziner, in Eurer Goethe-Gesellschaft, dem Akademie-Vortrag, der wirklich verloren zu sein scheint, (und Anderemx) [li. Rand] xvon großer Bedeutung. aber das war nicht entfernt ein Anspruch oder gar ein Vorwurf, sondern ich nahm es als unabänderliche Ungunst der Zeit, die eben solche Mitteilung unmöglich machte. – Wir sind alle nervös, und Du hast nun mal aus meinen Briefen lauter Vorwürfe herausgelesen, die meinem Herzen ganz fremd waren. Im Gegenteil habe ich stets mit großer Dankbarkeit Dein häufiges Schreiben aufgenommen und bewundert, wie genau Du von allem berichtetest. Das konnte aber nicht hindern, daß ich mich "allein und in der Ferne" fühle, daß ich darunter leide und es Dir klage. Wem sonst sollte ich es sagen?
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Wird denn nun wohl dies umständliche Schreiben die trüben Nebel alle verscheuchen? Ich bin mir so bewußt, nur unabänderliche Verhältnisse beklagt zu haben [über der zeile] und daß ich nur konstatierte, aber nicht anklagte. – Es war eine so schwierige Zeit für mich diesen Winter, und ich fand mich schwer zurecht. Laß mich nun wieder fühlen, daß es zwischen uns klar ist, und daß Du spürst, wie ich nur lebe von dem, was Du mir bist. Alle Trübung kam mir von andrer Seite, aus mir und aus der Weltlage. Der Vorstand vor allem brachte mich in innere Conflikte. Ich muß es der Zeit überlassen, diese Erinnerung zu klären.
Diese Zeilen schreibe ich nun spät abends im Fremdenzimmer bei Kohlers. Ich kam gestern mit leidlicher Fahrt hierher, und brachte einen schweren Karton mit Büchern von Dir mit her. Ob sie hier viel sicherer sind? Ich fand die Familie in ziemlicher Unruhe wegen der letzten Angriffe.
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| Es ist auch hier in der Gegend allerlei passiert, Brände und auch Todesfälle. Sie sind bisher noch im Gefühl der Sicherheit gewesen, und die Bedrohung ist ihnen neu. Außerdem war Otto Patient. Er hat sich bei Holzarbeit im Walde eine Knieverletzung, wohl eine Verrenkung, zugezogen und hatte ziemliche Schmerzen. Er liegt jetzt mit heißen Umschlägen, aber es bessert sich schon. Traudel dagegen ist jedesmal in einem schlechteren Zustand. Sie kann sich nur sehr unsicher bewegen und kaum einige Worte sprechen. – Mit stiller Angst höre ich, daß der Bericht wieder von zwei ganz großen Angriffen auf Berlin zu sagen weiß. Das läßt nun meine Gedanken gar nicht mehr los. Wann werde ich darüber etwas erfahren? Am Dienstag abend bin ich wieder zu Haus. Aber ob eine Nachricht da sein kann? Daß Du schreibst, sobald es geht, das weiß ich. Aber ob es zu mir kommt? – Du schreibst: "Sei verständig" – ach, mein Liebstes, ich bin verständig bis zum Stumpfsinn, denn ich warte in Ergebung. Man hielte es ja nicht aus, wenn <li. Rand> man nicht hoffte! Und so zwinge ich mich zur Ruhe.

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1. Mai. früh morgens.
Du meinst, ich hätte kein Verständnis für Eure Lage. Wohl habe ich noch keinen Terrorangriff in nächster Nähe mitgemacht. Aber auch hier kann man täglich ein plötzliches Ende nehmen oder nur sein letztes Hab und Gut verlieren. Die Zerstörung in Neuenheim war neulich weit größer, als ich erst annahm. Es gab mehrere Luftminen, von denen eine ein ganzes Haus dem Erdboden gleich machte, dessen Bewohner nur tot geborgen wurden. Aber ganz abgesehen von diesen Zufällen ist in mir seit Jahren, eigentlich wohl seit unserm letzten Abschied von der Reichenau (auf der Bank am Bahnhof Konstanz) beständig das Bewußtsein der Vergänglichkeit gegenwärtig. Und es rückt ja auch uns gerade jetzt die Bedrohung fühlbar näher. Und da trieb in mir der Kontrast mit der Schönheit dieser verhängnisvollen Welt eine leidenschaftliche Auflehnung hervor, nur einmal noch dieser Zerstörung der Außenwelt zu entfliehen. Es ist die Weltuntergangsstimmung, ich weiß wohl. Aber ist sie nicht natürlich? Täglich geht man in gefaßter Ruhe dahin, aber manchmal kommt ein Moment der Auflehnung. Gerade weil ich weiß, wieviel größer bei Euch die Bedrohung ist, leide ich so sehr darunter, so unerreichbar fern davon zu sein. – Daß Du Susanne nicht allein lassen willst, ist selbstverständlich. Aber sie ist doch auch in Hardenberg mit Dir gewesen.
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Es sind also die Besitztümer, die einen festbannen und die doch vielleicht nicht zu retten sind. Seit Jahren geht man nur mit dem Gedanken aus der eignen Wohnung: wie werde ich sie wiedersehen? Läßt man sich nicht allmälig immer mehr von diesen realen Dingen los? Auch darin ist eine Wellenbewegung, und der Kampf um Ergebung in das Unvermeidliche beginnt immer wieder von neuem. Auch ich will in ihm nicht versagen. Aber manchmal scheint es mir, als wäre diese Überwindung ein allmäliges Abtöten. – Nur etwas ist nicht von all dem Untergang zu berühren, das ist meine immer gleiche Liebe. Möchte sie Dir doch, ungetrübt von ungeschickten Äußerungen, immer fühlbar sein.
Gerade weil ich so tief die Sorge um Berlin empfand hatte ich im Anblick all dieser Blüten den Wunsch, Ihr könntet das auch für Stunden wenigstens sehen. Es war wie ein Blick in eine andre Welt. Glaube nicht, daß ich Eure Nöte unterschätze, nur einmal möchte ich sie abschütteln! – Hier oben habe ich tief geschlafen wie lange nicht und habe so glücklich von Dir geträumt, obgleich auch da das Bewußtsein der gegenwärtigen Not nicht ausgelöscht war. Und mit diesem Eindruck möchte ich diesen Brief erfüllen und Dir Dank sagen in <li. Rand> treuer Liebe und frommer Gefaßtheit. Morgen schreibe ich an Susanne.
<Kopf>
Euch beiden viele Grüße von
Deiner Käthe

[li. Rand S. 1] Kohlers lassen herzlich grüßen.