Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Mai 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.V.44.
Mein geliebtes Herz!
Ein paar Zeilen müssen doch mit in das Päckchen, wenn sie auch veralten, wie Susanne meint! Längst hätten die kleinen Kuchen fort gesollt, aber es fand sich noch nicht das Richtige dazu zur Verpackung. So ist das Gebäck veraltet, aber da naturgemäß wenig Fett darin ist, verträgt es das wohl. Hättest Du doch den großen Kuchen vom gleich Teig bekommen können, dick mit Himbeeren drauf! Aber den hat Frau Mehner mit entsprechender Anerkennung gegessen. – Sehr froh und dankbar war ich, unmittelbar nach Absendung meines Briefes an Dich die Karte vom letzten Angriff zu erhalten. Wie gut, daß du die Fahrt nach Stettin aufgabst. Ist denn das üble Zahnweh jetzt vorbei? Aus lauter Sympathie hatte ich am Tage des Wettersturzes auch ziemlich starke Schmerzen rechtsseitig bis ins Gelenk hinein. Aber ohne Zähne!! – nämlich Neuralgie.
Dann kam auch das herzenswarme Gedenkblatt für "Vater Riehl". Wie fein
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| hast Du sein edles Menschentum geschildert. Einmal, als wir ihm an seiner Wohnungstür begegneten, habe ich aus diesen "stechend-scharfen Adleraugen" einen Blick so voller Güte aufgefangen, den ich nie vergessen habe. Solche Momente sind mir immmer für das Bild eines Menschen entscheidend.
Heute habe ich in der Elektrischen andre Augen gesehen, so todestraurig, daß es mich noch verfolgt. Es war ein Soldat, den man wahrscheinlich nach Wiesloch brachte, ein älterer Mann schon.
Die warmen Frühlingstage waren nur wenige. Alle meine Versuche, mal etwas hinaus zu kommen, waren vergeblich. Und man ist ja auch wirklich durch die Unberechenbarkeit der Alarme in seinen Entschlüssen recht behindert und freut sich schon, wenn man von seinen eiligen Einkaufswegen unbehelligt zurückkommt.
Nun wünsche ich also, daß Dir die "Kuchchen" schmecken und Du die Brezeln beißen kannst. Vielleicht versucht auch Susanne sie mal. – Tausend Grüße in stetem Gedenken!
Deine Käthe.