Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Mai 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Mai 1944.
Mein geliebtes Herz!
Wieder hat der Bericht von einen Angriff auf Berlin gesprochen, und es heißt: Hoffen und Warten! Du schreibst ja immer [] gleich, sodaß die Ungewißheit nicht allzulange dauern wird. Unterdessen kam nun die Akademie-Abhandlung, schon vorgestern, und ist sehr erfreut und dankbar empfangen. Nun hast Du leider in dieser papierarmen Zeit zweimal für mich diese Unkosten gehabt! Ich habe mich gleich ans Lesen gegeben, aber langsam, damit ich auch verstehe, was ich lese! Man kann das beinah wörtlich nehmen, denn ich bin in der Tat oft recht wenig aufnahmefähig. Aber die Klarheit und Anschaulichkeit Deiner Arbeit fesselt mich sehr. Es ist, als sähe man in das wogende Leben hinein, wie alles sich mit innerer Notwendigkeit gliedert und zu Formen schließt. Man muß wohl auf jeden Sinn des Lebens verzichten, wenn man wie Brandenburg die Zielstrebigkeit solcher gesellschaftlichen Bildungen abstreitet. Natürlich ist es nicht ein klares Bild, aber eine bestimmte Forderung, die solchen Einrichtungen zugrunde
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| liegt, und es immer so besonders schön, wie Du es verstehst, diese still arbeitenden Kräfte sichtbar zu machen. –  –
Von hier ist eigentlich nichts zu berichten. Am Mittwoch bin ich mit Frau Buttmi, ihrer Schwester und der Tochter Maria von hier über 3 Eichen nach Waldhilsbach gegangen. Wir haben bei Gaul im Rößle ganz gut gegessen, gingen dann über Neckargemünd zum Adler in Ziegelhausen auf dem rechten Neckarufer, tranken dort Kaffee mit Butterbrot und fuhren vom Karlstor zurück. Der zartgrüne Wald und die bereits sommerlich blühenden Wi[über der Zeile] esen waren sehr schön. Und morgen zum Sonntag hat mir vorhin Rösel Hecht [über der Zeile] telefonisch einen Spaziergang vorgeschlagen. Da die Elektrischen dann sehr selten fahren, wird es wohl keine allzu große Sache werden. – Am Montag will ich nachmittags mit der Schwester von Frau von Schoepfer, eine pensionierten Lehrerin zusammensein, die eben allein zuhaus ist, weil Schoepffers in Baden-Baden zur Kur sind. – Dabei fällt mir ein, daß ich schon immer nach Glasenapps fragen wollte. Gehen sie demnächst
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| zu Excellenz Seitz? Ist ihre Wohnung dauernd unbewohnbar? – Bei mir gehen die unsoliden Pläne einfach so weiter. Am nächsten Mittwoch will ich mit Hedwig Mathy ins Grüne, das wird – wie bei Rösel Hecht – hauptsächlich auf dem Wert des Zusammenseins beruhen. Und ganz nett kann es auch an einem der Feiertage mit Frl. Seidel sein. Da ist näheres noch nicht geplant. –  – So gehen die Tage hin, eigentlich nur halb mit meiner Absicht, denn im Grunde geht man nicht gern aus dem Hause bei dem vielen Alarm. Es war aber in letzter Zeit nicht in unsrer Nähe etwas Ernsteres, kaum einige Flackschüsse.
Gelegentliche Nachrichten von Bekannten ergänzen die Frontberichte. Von der Familie habe ich noch immer Gutes über die verschiedenen Frontkämpfer gehört. Aber viel, viel Anderes erfährt man sonst. – Und auch unabhängig vom Krieg, oder vielleicht in indirekter Folge davon, haben Drechsler wieder eine schwere Sorge. Die andre verheiratete Tochter, Frau Hofmann, die,
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| aus Berlin geflüchtet, mit 2 Buben [über der Zeile] und 1 Mädel auf einen Bauernhof im Hessischen war, ist mit einem ganz bösen Ekzem nach Gießen in die Klinik gekommen. Es ist so ernst, daß man den Mann telegrafisch kommen ließ. – Die Familie hängt so innig zusammen und sie haben das Unglück mit der andern Tochter, Frau Nitzsche (deren Mann Koch ist und in Eisenach wohnte), noch nicht verwunden. Ihr Grab ist auf dem hiesigen Friedhof.
Außerdem ist wie immer die tägliche Arbeit und es sollte da viel mehr geschehen, als ich fertigbringe. Es ist aber allmälig in mir eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Äußerlichkeiten des Daseins, und ich nehme ohne Bedenken eine Gelegenheit zu freundschaftlichem Zusammensein wahr.
Aber jetzt will ich dies noch in den Briefkasten bringen. Gestern ging die Weinkiste ab, leider 3 rote! Und am 17. ein Doppelbrief mit allerlei trocknem Inhalt. – Verzeih das schlechte Papier und die ebensolche Schrift. Und sei mit Susanne sehr herzlich gegrüßt. Ich denke Dein!
Deine Käthe.