Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Mai 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Mai 1944.
2. Pfingsttag.

[von fremder Hand] 1. Juni erh.
Mein geliebtes Herz!
Für einen lieben Brief vom 22. und eine Karte vom 24.V. habe ich Dir wieder zu danken. Was habt Ihr wieder für anstrengende Stunden durchgemacht, und wie traurig muß es im lieben, alten Berlin aussehen! Dazu kommt noch das persönliche Mißbefinden – es tut mir sehr, sehr leid! Ich weiß, was solch ein eitriger Zahn für Schmerzen macht, und nun gar, wenn er in diesem Zustand gezogen wird. Das mit dem Katarrh in der Kieferhöhle ist immer sehr langwierig, weil man der Sache garnicht beikommen kann.
Mir ist es in dieser Zeit eigentlich viel zu gut gegangen. Es war durch
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| Zufall so eine Art Ferienstimmung. Erst der hübsche Ausflug mit Buttmis am 17., dem war ich mit Hedwig Mathy am 24. von Neckargemünd über den Tillystein und Dilsbergerhof nach dem Dilsberg, was mir auch einmal gemeinsam machten, Du weißt: den schönen Weg über den Steinbrüchen, wo man immer das Tal mit dem Neckar, den Burgen und dem Dilsberg zur Linken hat. Es ging sich prachtvoll bei kühler aber sonniger Luft. Auf dem Dilsberg war unser Balkon, der auch für Hedwig eine Erinnerungsstätte ist, nicht zugänglich, die Wirtschaft geschlossen. Aber in der "Sonne" bekamen wir [über der Zeile] zusammen 2 Tassen Kaffee, Brot und Butter (20 gr und 200 gr), alles gut und für 80 <altes Pfenningezeichen>! – Am nächsten Tage machte ich mit Rösel Hecht noch einmal den
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| Weg, aber nur einen Teil, und kehrten dann um, denn sie muß Vorsicht üben wegen ihres Herzens. Sie war in Königsfeld zur Kur und hat sich auch erholt. Aber trotzdem scheint das Herz bisweilen zu versagen, wie in einer plötzlichen Ohnmacht. Am 2. Tag war das Wetter noch schöner, aber wieder brachte der Nachmittag Alarm, wie das jetzt Normalzustand ist. Heute ging es so oft Alarm, Voralarm, Abblasen, Voralarm, Abblasen, Alarm, daß man in der Tat oft nicht wußte, was nun eigentlich an der Reihe war. Im Keller war ich nicht, denn es war gerade Essenszeit, und später kam zu meiner Freude Mechtild Hadlich, die von Tutzing aus, wo sie als Heilgymnastin an einem Lazarett arbeitet, hier eine Freundin besuchte. Sie blieb sehr gemütlich einige Stunden und reist heute nacht zurück. Hoffentlich ohne Zwischenfall.
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| Freitag (oder Sonnabend?) ging es mit dem Vollalarm ganz rasch vorüber, und dabei war in Mannheim in wenigen Minuten großes Unglück geschehen, der Bahnhof erneut zerstört und Urlauberzüge getroffen.
Bei uns wird durchschnittlich weniger die Luft überflogen. Man hat wohl eben andere Wege.
Von ihren Kindern hat Rösel gute Nachricht. Walter sollte für die 2 Pfingstage herkommen; er ist jetzt angestellt im Elsaß. Hanna ist in Leipzig und lernt allerlei. –
Mechtild ist ein hübsches frisches Mädel, sehr befriedigt in ihrem Beruf, von gesunden Ansichten. Schade, daß man sich so selten sieht. Sie hatte sich am Freitag mit einer Karte angesagt, für den 1. oder 2. Feiertag, ohne Angabe ihres hiesigen Aufenthaltes, sodaß ich eigentlich etwas unzufrieden war, denn worauf sollte man sich einrichten?! Aber es klappte
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| dann doch recht gut. Am 1. Feiertag war ich mit Frl. Seidel einige Stunden im Wald, Treffpunkt ½ 11 Uhr am Krematorium (weil auf halbem Wege), und wir gingen dann Richtung Speyrer, Blockhaus, wo die Rhododendren blühen und zurück bei Wärme, Sonne und – schließlich Alarm. Der Wald ist ganz wundervoll, noch etwas in der Entstehung und in reicher Vielfarbigkeit das Grüns. Heute nun ist geradezu sengende Glut gewesen, plötzlich Hochsommer. Aber es war nicht schwül; ich glaube, dazu ist die Erde eben zu trocken. Es wird schon über Wassermangel geklagt.
Es ist mir ganz gut bekommen, daß ich diese beiden Tage viel zu Hause war. Besonders die Augen tun weniger weh, weil ich viel geschlafen habe. So schön es im Freien ist, Wind und Sonne schaden den Augen. Dr. Cibis meinte, es könne sein, daß es so eine Art Heuschnupfen wäre. – Un
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|angenehmer noch war es mit dem linken Ellenbogen, den ich mir so heftig gestoßen hatte an der bewußten empfindlichen Stelle, daß ich wochenlang recht behindert war. Das ist schmerzlich, wenn man alles allein einholen muß, und auch bei vieler sonstigen Arbeit. Ich habe in dankbarer Erinnerung an Onkel Hermanns gute Ratschläge mit Naphtalan-Packung des Nachts behandelt und es fängt jetzt an, besser zu werden. Es war jedenfalls eine Knochenhautentzündung. Alles in allem habe ich nichts geleistet und auch der Augen wegen wenig gelesen. Du erwähnst Harnack! Sein "Wesen des Christentums" ist mir jetzt ein sympathisches Buch geworden. Noch bin ich nicht ganz damit fertig. – Und dann die Entstehung der Volksschule! Es scheint doch eigentlich noch immer ein ungelöstes Problem, wie man das Menschentum bilden kann und doch zugleich einen nützlichen Zeitgenossen. Jede Zeit fordert anderes! Welch eine Fülle zeigst Du da. Ich freue mich, wenn Otto Kohler Deine Schrift auch lesen wird! – Heut aber will ich dies noch (um 23 Uhr!) in den Kasten <li. Rand> bringen und grüße Dich und Susanne herzlich. Immer Deiner gedenkend
Deine Käthe