Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Juni 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Juni 1944.
Mein geliebtes Herz!
Da wir seit 2 Tagen etwas von Fliegerbesuchen verschont wurden, sieht sich der Himmel genötigt, etwas für Krach zu sorgen, und wir sind nun also in die Epoche der täglichen Gewitter eingerückt. Aber herrlich ist jetzt die Luft nach dem sehr ersehnten Regen! Hoffentlich ist inzwischen das Postgut mit den 3 Flaschen Rotwein heil angekommen und hat nicht zu heißen Transport gehabt. Und um beim Materiellen zu bleiben, will ich Dir sagen, daß morgen ein Päckchen an Dich abgehen wird, das Dir Spaß machen soll, wenn es auch nicht so gut geraten ist, wie die vorherigen Plätzchen. Sie sind diesmal leider weniger gebacken als gedörrt, denn mittendrin versagte das Gas. Aber immerhin siehst Du den guten Willen, denn es freute mich so, daß mein Backwerk neulich Dir gefiel.
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| Du hast mir statt dessen viel größere Freude bereitet, und von der Schlußfolgerung des Uexküll-Aufsatzes bin ich sehr entzückt. Anfangs wurde es mir schwer zu folgen, und dann kam ich an eine Stelle, wo mir der entsetzliche Aufsatz vom kleinen Scholz in Deiner Denkschrift einfiel. Da hört für mein Gefühl schon alles Leben auf, ja es bleibt noch weniger als ein Skelett. – Wie aus einer andern Welt kamen mir da die Worte "Atmest du nicht mit mir die süßen Düfte" –  – weißt Du auch, wo Du das einmal mir sagtest? Erst heute war ich wieder an der Stelle und ich gehe nie vorüber, ohne dessen eingedenk zu sein. So war es seltsam, es dann gerade in diesem streng wissenschaftlichen Zusammenhang zu lesen. Denn obgleich ich Deine liebe Sendung schon gestern hatte, kam ich doch erst heute zu zusammenhängendem Lesen. Gestern war ich zu Mittag und Nachmittag bei Frl. Schupp und ließ es mir
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| ferienhaft wohl sein, ohne zu kochen und sonstige Plackerei am hübsch gedeckten Tisch ein gutes Essen zu bekommen. Auch das Zusammensein war behaglich und es ist erstaunlich, wie geistig frisch die 83jährige noch ist.
Schrieb ich Dir schon, daß am 2. Feiertag Mechtild Hadlich, die in Tutzing an einem Lazarett Heilgymnastik ausübt, bei mir war? Ich hatte wirklich Freude an dem Besuch.
Aber auch für Trauer ist wieder gesorgt. Heut, als ich Frau Kühn aufsuchte, um sie für morgen abzubestellen, erfuhr ich von ihr, daß ihr Lieblingssohn, der Jüngste, Erich, gefallen ist. Schon am 2. Mai wurde er schwer verwundet, und hat vermutlich lange unverbunden gelegen, denn das Bein mußte amputiert werden, und trotzdem starb er an Gasbrandbazillen. Der Geistliche schrieb ihnen, vorher wußten sie noch garnichts und jetzt ist er längst bestattet. Einer von so unendlich vielen, die ihre
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| Mütter und jungen Frauen in tiefem Leid zurücklassen. Und immerfort hört man auch sagen: die und die sind "ausgebombt." Ein abscheuliches Wort!
Daß ich mit Rösel Hecht jetzt wieder in gutem Einvernehmen bin, weißt Du ja schon. Morgen nachmittag möchte sie mich wieder zu einem Spaziergang verleiten. Hoffentlich gibt es da nicht solchen Wolkenbruch wie heute!
Wie mag es Dir inzwischen gehen? Ich wüßte so gern, ob Dir das Fruktamin angenehm ist? Bald gibt es ja nun frisches Obst, aber vorläufig wäre es doch eine Aushülfe. Für all Deine lieben Sendungen habe innigen Dank. Welche konzentrierte Arbeit steht in alledem, vor allem in dem Akademie-Vortrag. Den will ich bald noch einmal lesen. Aber meine abendlichen Lesestunden fallen fort, da ich bei offnen Fenstern kein Licht machen kann. Außerdem habe ich auch ein unersättliches Schlafbedürfnis. – Jetzt bringe ich den Brief wieder <li. Rand> in den Kasten und gebe ihm viele innige Grüße mit. Möge es dir gesundheitlich wieder besser gehen und Ihr von Flieger verschont bleiben.
<Kopf>
Von Herzen
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Habe ich s. Z. nicht geschrieben, daß die 300 M in mein Buch eingetragen sind? Dann verzeih, bitte!