Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juni 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg, 8. Juni 1944.
Mein geliebtes Herz!
Auch Du hast mir gerade am 3. VI. geschrieben und hast an unser liebes Tanting gedacht! Ich danke Dir sehr für Deinen lieben Brief, aber es betrübt mich, daß Du Dich so wenig wohl fühlst. Du hättest wirklich alles Recht, mich zu beneiden um meine Sinecura hier, und ich selbst empfinde es als ungerechte Verteilung der Güter, würde Dir von Herzen gern die Vorzüge der augenblicklichen Lage abtreten. Und die ungewohnten Vergnügungen haben sich noch fortgesetzt: gestern bin ich noch auf Einladung von Rösel Hecht mit ihr und ihren Hausgenossen im Schwetzinger reizenden Rokokotheater zu einer Aufführung von "Figaros Hochzeit"
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| gewesen. Es spielen dort zuweilen die Mannheimer Schauspieler und es ist in diesem intimen, stilvollen Raum sehr reizvolll. Aber –  – man muß die Möglichkeit zur Stimmung mitbringen! Woher soll man die nehmen? Es blieb für mich nur ein sehr äußerlicher Eindruck, und die Gedanken waren bei den Tagesereignissen. Selbst die Musik konnte mich nicht so lösen, wie ein Weg durch den Wald und ein Blick in sonnige Ferne. Wenn ich Dir das doch verschaffen könnte! Aber dazu ist ja jetzt noch weniger Aussicht als im vorigen Jahr, wo Du es Dir durch unnötige Angstmacherei verderben ließest.
Ich verstehe, wie aufreibend diese dauernden Angriffe sind! Aber wird man es nicht doch schließlich etwas gewöhnt? Wir können da gar nicht mitreden, denn wir haben noch nichts Ernstes erfahren.
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| Für uns ist die Sache noch immer nur eine ärgerliche Unbequemlichkeit, die uns entweder in der Tageseinteilung stört, oder nachts aus dem Bette treibt. Fast jede Nacht wird ganz rasch in Mannheim etwas abgeworfen und wir haben dadurch eine Stunde Schlaf weniger.
Nimmst Du denn die Vitamine nicht, die ich Dir schicke? Du mußt doch meiner Fürsorge auch Ehre machen! Gefällt Dir das Fruktamin nicht? (Das habe ich jetzt gewiß schon zum 5. mal gefragt!!!)
Könnte ich Dir doch von meinen so wenig nützlichen Kräften schicken! Ich fühle mich viel wohler als in der ersten Kriegszeit und wir sind mit allem Nötigen noch ausreichend versorgt. Ich esse viel Salat und geriebene Rettige, von den weißen, die nicht so scharf sind. Und dann habe ich mich auch dem Trunk
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| ergeben, und zwar in Bier. Jeden Abend ½ Flasche; es ist ganz trinkbar; aus der hiesigen Brauerei Kleinlein. Das sind so die persönlichen Ereignisse –  –
Während des Voralarms und nach dem andern, der uns kurz in den Keller trieb, habe ich [über der Zeile] vorgestern den Aufsatz über die Biologie mit ständig wachsendem Verständnis wieder gelesen. Wie schön ist das herausgestellt: das Recht des Sinnsuchens! und des Teilhabens am Sinn des Ganzen. Veranlaßt durch den "Neutralisierungsprozeß der Wissenschaft" habe ich mir den "Kleinen Johannes" von van Eeden vorgesucht und mit Erstaunen gelesen. Damals lehnte ich die Einstellung glatt ab, weil mein Teilhaben am wissenschaftlichen Denken immer aufs Organische gerichtet war; aber jetzt kann ich doch verstehen, was diese Dichtung sagen will. Es ist in gedrängter Kürze viel Gehalt.
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– Es ist mir förmlich wie eine Anmaßung, daß ich, die ich garnichts tue, als mein Dasein fristen, zuversichtlicher und ruhiger bin als Du, der Du beständig am geistigen Bestand unsres Volkes baust. Du weißt doch, wie Du wirkst, und die Briefe nach Semesterschluß, die mich nicht erreichten, werden es Dir auch gesagt haben. Du gibst aus jenen "Sinnregionen von höherer Bedeutung" von jener Reife der Lebensentfaltung, an der sich die Jugend aufrichten kann. Und jeder von ihnen trägt es weiter. –
Was aus dem Schutt wird – möge er weggeräumt werden. Du hast einen anderen Boden zu bepflanzen. Laß uns die Zuversicht nicht verlieren und sorge vor allem, daß Du von den Leiden der Gegenwart nicht erdrückt wirst. Damit hilft man niemand. Noch ist es Tag für uns!
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Unsere Tage hier sind kalt und windig, mit häufigen starken Regengüssen. Nach den wenigen Hochsommertagen im Mai ist es wieder April oder noch weniger geworden. Die Vegetation ist aber sehr üppig, und es gibt schon die ersten, wässerigen Kirschen. Ich ziehe die Rosen vor, die herrlich blühen. Drei besonders schöne aus Buttmis Garten stehen in meinem Zimmer. Und meine Asklepias will auch wieder blühen.
– Kann Dir der Arzt nicht etwas geben, um das Herz zu kräftigen? Du würdest auch seelisch widerstandsfähiger, wenn man da physisch nachhelfen würde. Es quält mich so, daß ich gar nichts für Dich tun kann. Ich wüßte schon, was Dir helfen würde: wenn man sagen könnte, daß der Krieg nun zu einem wünschenswerten Ende gekommen sei! Wann wird das sein? Jemand sagte neulich, daß wir täglich dem Frieden einen Täg näher kämen, – in diesem Bewußtsein schone Deine <li. Rand> Kräfte, und reibe Dich nicht auf mit Sorgen. Es muß doch Frühling werden. <Kopf> Und wir wollen es doch erleben!
<li. Rand S. 5>
Ich wünsche Euch möglichst ruhige Nächte und Grüße herzlich.
Deine Käthe.