Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Juni 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juni 1944.
Mein geliebtes Herz!
Du hast dich sehr über mich ärgern müssen, und das tut mir sehr leid. Ich war davon überrascht, denn ich nahm ja an, daß Ihr ebenso wie viele andere jene Maßnahme im vorigen Herbst, die die voreilige Massenflucht aus Berlin veranlaßte, mißbilligen würdet. Denn nach 14 Tagen war damals alles wie vorher. Nur eines tröstete mich dann, das war die näher geknüpfte Beziehung zu Neu-Hardenberg. – Denn was die vorsorgenden Anordnungen betrifft, so ist das bei uns so planlos, wie überall. Man hat durchaus den Eindruck der Ratlosigkeit. Alle Schmuckplätze sind jetzt zerstört mit irgend welchen Erdarbeiten, die dann liegen bleiben. Einzelne sind jetzt sogar als Schuttablage öffentlich bezeichnet. – Im Hause aber bei uns geschieht garnichts und die Situation ist denkbar unzureichend. –  – Auf die nervenzerstörende Wirkung der eigentlichen Angriffe hat sich meine Bemerkung unter gar keinen Umständen be
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|zogen, da fragte ich nur, ob sich bei der steten Wiederholung nicht die Eindrucksfähigkeit abstumpft? Das ist aber, wie Du sagst, nicht der Fall. Ich glaube, mich würde eine Art verzweifelter Todesverachtung fassen; so wie damals bei meiner schweren Blinddarmentzündung, als ich in vollem Bewußtsein der kritischen Situation nur dachte: wenn es sein muß, dann rasch! –
An den letzten Erfahrungen lerne ich wieder, daß es nicht gut ist, wenn bei uns Ruhe herrscht. Denn es ist offenbar kein Zeichen eines allgemeinen Nachlassens, sondern die Angriffe richten sich dann umso stärker gegen Euch. Gleichzeitig mit Deiner Karte kam eine beruhigende von meiner Schwester, die auch von Irmgards Behütung meldete. So geht es von einer Sorge zur andern.
– Eine Nachricht von Susanne, von der Du schreibst, habe ich nicht bekommen. Wann sollte das denn gewesen sein? Inzwischen war sie gewiß auch wie Du umzufrieden mit mir, und denkt, ich wäre quängelich. Aber ich war so froh über die baldige Rückkehr des Kistchens und hatte gehofft, den Weinhändler durch die 3 guten Flaschen wieder zu einer Hergabe zu bewegen,
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| so war die Enttäuschung groß.
Eine Frage habe ich auch wieder! Es sind hier schon Phosphor-Verbrennungen vorgekommen, und man hat mit der Behandlung gute Erfahrung gemacht, nämlich man löst in 1 l Wasser – gut verschließbar – 20 gr. Kupfersulfat (ein entzückend blaues Christall) und rührt etwas davon mit Heilerde zu einem Brei, den man als Salbe auftragen kann. (Luftdicht aufzubewahren) Macht man das in Berlin auch? Ich habe es.
Das miserable Wetter scheint über ganz Deutschland ausgebreitet zu sein. Es ist so kalt, daß ich schon mehrmals den elektrischen Ofen anzündete. Und heut gibt es dazu noch Regen. Gestern, als Hedwig Mathy bei mir zu Tisch war, konnten wir wenigstens einen kleineren Weg hier am Berge machen. Und außerdem gab es eine sehr schöne Stunde mit Deinem Uexküll-Aufsatz. Es ist keine leichte Lektüre, aber sie bestätigte mir, daß man den Gedanken dennoch folgen kann und daß man das Gefühl hat, als würde man einen schmalen, schwierigen Weg sicher an der Hand geführt. Das ist die klare, beherrschende
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| Kraft Deines Denkens (Dein "schöner Stil", wie sie sagte), und ich war wieder sehr glücklich in Deiner Gegenwart, und im Gefühl des echten Menschentums, dessen Freiheit und Recht Du in aller Bindung so schön und edel darstellst.
Meine Tage vergehen sonst recht zwecklos. Auch solche Mittagseinladung ist mir volle Beschäftigung. Der Vormittag ist erfüllt mit Einkauf, Kochen und Aufräumen – der Nachmittag mit dem Besuch. Da bin ich froh, daß ich heut mal wieder einen Auftrag für Montag in der Augenklinik bekam. Denn sonst gibt es mir eigentlich nur Befriedigung, wenn ich jemand etwas zuliebe tun kann. Es ist wenig genug. Und wenn dann noch solch negativer Erfolg kommt, wie der meines letzten Briefes an Dich, dann ist es ganz aus. Ich hoffe nur von Herzen, daß Du mit der Karte an mich auch den Ärger abgeschüttelt hattest und nun wieder gern an mich denkst. Du weißt doch ganz gewiß, daß ich so gern Dir nur helfen möchte! Aber wie kann ich das hier in der Ferne!!
Mit vielen innigen Grüßen
Deine
Käthe.