Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juli 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Juli 1944.
Mein liebes Herz!
Wann habe ich Dir wohl zuletzt geschrieben? Ich weiß es nicht mehr. Die Tage gehen so nichtssagend dahin, daß sie endlos erscheinen. – Dein letzter, lieber Brief war vom 29. Juni, mit der traurigen Nachricht vom Tode des Neffen. Und man bangt von Tag zu Tag weiter! Deine Karte, die gestern kam, sagt mir von neuer, anderer Unruhe und wohl nur zu sehr mit Recht. Vielleicht sind Eure Pläne nun gar durch die neuen Reisebestimmungen zunichte gemacht? Denn wie stände es mit der Begründung einer Fahrt nach Gumbinnen? Doch vielleicht gibt es noch Möglichkeiten. Ich habe für mich schon vorher längst verzichten gelernt.
Und so wendet man sich dem Alltag zu, der allerdings auch immer mehr eingeengt wird. Es ist wohltuend, mit allerlei guten Menschen im Verkehr zu stehen, und die unerfreulichen, wie die Hauswirte und die Monatsfrau, darüber zu vergessen. – Alle
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| stehen auf dem gleichen Standpunkt, daß sie aus Gewohnheit für eine Zukunft sorgen, deren Problematik sie im Grunde einsehen. Das höhlt das Dasein zunehmend aus.
Aber immer gleich wohltuend ist die Natur in ihrer Unerschöpflichkeit. Vorgestern der Blick von der Ziegelhäuser Brücke über die reiche Schönheit des Tals war wie ein tröstlisches Wort von der unüberwindlichen Lebenskraft. Oder ist das nur eine täuschende Hülle? Wieviel Trauer ist jetzt unter all den Dächern, die da noch so friedlich gebettet liegen.
Wie langsam geht die Weltgeschichte! Schon als ich im Jahre 14 von diesem Tal Abschied nahm, dachte ich – wie Du es in dem Aufsatz in der Woche so treffend schilderst – mit Schiller: "wenn des rauhen Krieges Horden etc. –" und fürchtete, es zerstört wiederzusehen. Nun ist noch ein Vierteljahrhundert darüber hingegangen, und es besteht noch unverändert.
Dagegen die Großstädte! Aber auch dort geht das Leben weiter. Wir Heidelberger
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| kennen ja noch nichts davon, als das Unbequeme der nächtlichen Störungen und der Zeitverluste am Tage, die den Arbeitsplan in Unordnung bringen. – Wir haben, wie ich heut in der Zeitung lese, Wilh. v. Scholz zum Ehrendoktor ernannt. Ich hoffe sehr darauf, daß im Jahre 1952 der genius loci Heidelbergs sich auch seiner Pflicht erinnern wird.
Durch die starke Beschäftigung der letzten 2 Wochen und damit verbundenen Augenschmerzen habe ich fast gar nichts gelesen. So komme ich mit "Gabriele von Bülow" nur sehr langsam vorwärts. Auch damals hatten sie Nöte und Vaterlandssorgen; aber es kommt mir vor, als wären das eben noch erträgliche Dimensionen gewesen. Heut lastet die Not der ganzen Erde auf unsrer Seele.
Im Täglichen ist es so lähmend, daß sich die Menge des Unerledigten immer vermehrt, denn es kommen immer Dinge, die gleich gemacht sein wollen, dazu. So ist es jetzt
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| eingeführt, daß man mit dem Abfalleimer zur bestimmten Zeit an der Landstraße, da wo die Elektrische hält, sein muß, wo dann ein Auto kommt zum Abholen; und die Geschäfte, wo man kauft, haben ihre Stunden, so daß man 2–3 mal ins Dorf laufen könnte, wenn man nicht auf manches verzichtete, denn von mir aus ist der Weg weit. Auch ist es wie ein Geschenk, wenn man irgendwo freundlich bedient wird! – Wie oft empfindet man doch, daß man recht herunterkommt. – Leider auch geistig – wirst Du denken!
Aber ich denke, jetzt, wo die Einkocherei vorbei ist, soll es bei mir wieder geordneter zugehen. Ich habe ja eigentlich seit der Erkrankung vom Vorstand immer vom Kapital gelebt. Denke Dir, den AEI-Ring habe ich wieder abgelegt. Er rieb mir den Finger wund wie der Vorstand meine Seele!
Nun gib mir nur ein Lebenszeichen, mein liebes Herz, daß Du freundlich mein gedenkst, trotz der langen Pause, die ich nicht <li. Rand> freiwillig eintreten ließ. Ich grüße Dich von ganzem Herzen.
Deine Käthe.

[Kopf] An Susanne schreibe ich direkt.