Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. August 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg 1. August 1944.
Mein geliebtes Herz!
Wann werde ich denn einmal wieder dazu kommen, mich am Sonntag rechtzeitig bei Dir einzufinden!? Du wirst es gar nicht verstehen, was mich immer so verhindert, und ich kann es eigentlich selbst nicht erklären. Aber immer ist der Tag um, und ich bin so müde, daß es doch nichts werden kann. Dabei denke ich ja unablässig Deiner und bin damit so beständig in Deiner Nähe, daß mirs ist, als müßtest Du das merken. – Nun geht das Semester zu Ende und ich hoffe doch, Ihr verlaßt Berlin. Es ist ja landschaftlich nicht besonders reizvoll, aber wenigstens habt Ihr im Schloß Neu-Hardenberg keine so schweren Angriffe zu bestehen. Und seelisch gibt es dort immer so wohltuende Eindrücke, daß es dich aufrichten und kräftigen wird. Denn Kraft brauchen wir unendliche und werden
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| sie wohl noch viel mehr brauchen. Fast möchte man wünschen, man könne von dem unerbittlichen Gang der Ereignisse, die man vorausfühlt, ein Stück überspringen. Aber wie sollte man sich nachher wieder in das Dasein zurückfinden?! Es ist der Segen der Zeit, daß sie uns so unmerklich von Tag zu Tag umgewöhnt. Manchmal bleibt uns ein Stück unbewußt, und man empfindet es als einen plötzlichen Schlag, wenn man es gewahr wird.
Für zwei liebe Briefe und eine Drucksache habe ich dir zu danken. Mit Aufmerksamkeit habe ich den Nachruf für "Vater Riehl" gelesen, und hatte dabei vor allem den Eindruck, wie er im Zuge der geistigen Entwicklung [über der Zeile] stand und dem Werdenden bis zuletzt offen blieb.
All solche Rückblicke haben jetzt etwas von einem Blick ins gelobte Land. Denn in der Gegenwart häufen sich die Schreckensnachrichten. Wie soll nur die Frau Annemarie (Risch?) das Leid und nun die neue Ungewißheit ertragen? – In ähnlicher Lage
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| sind jetzt Mathys, in Bezug auf den Neffen Dieter Turban. Ich kenne ich seit seiner Kinderzeit und habe durch die Familie und sogar gelegentlich eigene Briefe von ihm die Entwicklung dieses hochbegabten und liebenswerten jungen Menschen miterlebt. Er kam direkt von der Schule zum Heer, erst nach Finnland, wo er schwere Zeiten mitmachte, und jetzt nach Italien. Nun kam durch seinen Oberst die Nachricht, er sei verwundet zurück transportiert, dann meldeten andre, sie hätten ihn später noch unverwundet gesehen, wieder andre sprachen von einem Kopfschuß – auf alle Fälle fehlt seit anfang Juli jede direkte Nachricht. Er ist der einzige Sohn –  –
Und so geht es weiter. Auch mit den Luftangrifffen. Gestern waren sie sehr nachhaltig in MannheimLudwigshafen. Von ¾ 12 – nach 3 Uhr dauerte der Alarm, und es wurde auch über uns lebhaft geflogen. Es ist seltsam, daß am Tage eigentlich niemand in den Keller geht. Die meisten sehen sich eifrig den Vorgang
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| an; man behauptet, gestern habe man mehrfach Fallschirme herunterkommen sehen. – Ich habe erst fertig gekocht und gegessen, denn ich war sehr hungrig, und dann war ich –  – Deiner Ermahnung eingedenk – mit Sack und Pack ein Weilchen im Keller, da aber sonst niemand sich einfand, ging ich schließlich auch wieder rauf. Mit Mannheim ist augenblicklich kein Bahnverkehr.
Auch Familie Buttmi hat jetzt eine Schwierigkeit. Maria, die ältere Tochter, hat begonnen, in der Apotheke zu lernen. Jetzt scheint sie dort irgend etwas nicht zu vertragen und bekommt alle paar Wochen einen schweren, blasenartigen Ausschlag wie eine Verbrennung. Seit gestern ist sie damit in der Hautklinik. Ob man herausbekommt, was es ist? –
Von Kohlers sind die Nachrichten normal. Bei Hechts geht es auch nach Wunsch, nachdem Rösel ihre Tochter vom Einsatz in Dresden freigemacht hat. Jetzt heißt es, sie wird den Dr. für Auslandswissenschaft machen!
Am Sonntag, vorgestern, habe ich mit den beiden
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| einen schönen Weg gemacht. Wir fuhren mit der Bergbahn zum Königstuhl und wanderten von dort immer eben aber bergab nach Leimen: Kohlhof, Posseltslust etc. – Drei Eichen – und viele Wege durch Himbeeren und letzte Walderdbeeren. Das wäre auch für Dich zu machen gewesen und Du kannst Dir denken, wie sehr ich dies wünschte. Wir hatten Brot und Obst bei uns, und in Leimen bekamen wir bei Freunden von Hechts Tee und fabelhaften Kuchen. Vorher, am Waldesrand auf einer Wiese lagerten Rösel und ich über eine Stunde in der Sonne. Da war vor uns ein Ährenfeld, und bunte Blumen dahinter [über der Zeile] unten das Dorf und die Ebene mit Feldern und dunklen Waldstreifen, die bläulichen Hardtberge und darüber Wolken und blauer Himmel – in allen Tönen der Färbung. Es war einzig schön, so recht gemacht die übrige Welt zu vergessen. – Ich dachte an Konstanz, als wir uns trennten. –  –
Was ist das übrigens mit Schwackenreuthe?
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| Ich habe die Erinnerung daran als an eine Hoffnung, die sich aber nicht erfüllte. Wie die Bedeutung sonst noch sein sollte, kann ich nicht mehr herausfinden.
Mit dem Zeichnen wird es noch länger fortgehen, aber jetzt, nachdem ein Vortrag stattfand, langsamer. Es mußte nur dazu ein bestimmtes Ziel erreicht sein. Auch sonst reißt die Arbeit nicht ab, auch ohne Kriegseinsatz. – Diese fieberhafte Spannung hat etwas sehr Unheimliches. Man fühlt sich, wie bei einem überheizten Dampfkessel, und es zischt schon durch die Ritzen.
Jetzt will ich für heute notgedrungen aufhören, denn ich muß zum Lesenachmittag zu Schoepfers. In 14 Tagen soll es dann mal wieder bei mir sein. Das kommt ja nur sehr selten vor. Grüße Susanne herzlich. Und Du sei versichert, daß Du niemals vereinsamt sein kannst, denn mich wirst Du zu keiner Stunde los und ich fühle mit Dir. Ich wollte nur, das könnte Dir helfen.
Immer in treuer Liebe
Deine
Käthe.