Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. August 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. August 44
Sonntag!
Mein geliebtes Herz!
Ich habe mich darauf gefreut, die Stille des einsamen Sonntags mit Dir zu verbringen, aber es wird mir schwer, den Anfang zu finden, denn wie soll ich schreiben?! Hätte man sich sprechen können, würde das wohl leichter sein. Es geht damit, wie mit all den unerledigten Arbeiten, es häuft sich das Unausgesprochene bis zum Ersticken. – Was mich im Augenblick besonders bedrückt, ist, daß ich mit dem Terrorangriff vom 6.8. noch keine Nachricht habe, weder von Dir noch von Aenne. Aber von Rügen kam eine Karte vom 10.; Lili meldet die Ankunft ihres 4. Kindes, des zweiten Mädels. Sie wußte also nichts Ungünstiges aus Berlin. Und was Euch betrifft, so hoffe ich eben, daß Du vielleicht diesmal die Sache nicht für so wichtig gehalten hast, weil es wohl eine andre Gegend traf. Denn daß Du ernstlich verstimmt seist wegen meiner Langsamkeit in Betreff der
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| Sache mit dem Bodenseeblick, und mich deshalb ohne Nachricht ließest, das kann ich nicht annehmen. Du hast mich doch immer durch sofortige Karte verwöhnt. Aber nachgerade zögerte ich schon, an den Briefkasten unten zu gehen aus Furcht, es sei wieder keine drin. Ich will aber durchaus nicht die Sorge überhand nehmen lassen, und vertraue darauf, daß ich es spüren würde, wenn Grund dazu vorhanden wäre. Ich spüre ja überhaupt so viel mehr, als ich ausspreche. Vielleicht denkst Du deshalb auch von mir, ich sei blind für die Realitäten? – Aber wir haben ja doch alle lernen müssen, schweigend zu leiden, und es ist in der Tat ein Wunder, daß wir noch nicht davon gelähmt sind. Gerade das Lesen von alten Briefen kann solchen Moment lähmenden Entsetzens auslösen, wie jetzt.
Mit den alten Briefen ist es aber jetzt auch eine Schwierigkeit. Sie sind im Luftschutzgepäck, und das soll abends immer griffbereit stehen.Es erinnert mich überhaupt so oft an Deine Redensart vom "Haben als hätten wir nicht". Denn es ist so vieles unerreichber, weil es hier
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| oder da in Sicherheit gebracht wurde. Und ich frage mich manchmal: bringt man sich aus Sorge um die Bewahrung für die Zukunft nicht eigentlich völlig um die Gegenwart? Ich habe mich jetzt gewöhnt, vor allem bei dem zu verweilen, was mir Gutes entgegen kommt. Denn es gibt ja auch das noch! So lebt in mir ganz besonders der Anfang Deines letzten Briefes mit dem Bericht über Vortrag und Schluß der Vorlesung. Und so verweile ich in Gedanken gern bei dem glänzenden Erfolg, den Dr. Cibis mit seiner Arbeit hat. Ich freue mich, ein wenig daran teilzuhaben, d. h. bei der technischen Herstellung. Und wie sich mir alles Wesentliche immer irgendwie in Beziehung setzt zu Dir, so erinnert mich die Art, wie die Vertreter der verschiedenen Arbeitsgebiete in der Medizin die neue Methode des jungen Kollegen als fruchtbar aufnehmen, lebhaft an den Eindruck, den das Erschienen deiner "Lebensformen" in allen Fakultäten
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| machte. Und weiter spinne ich den Gedanken, daß ich in dieser Beschäftigung mitarbeite an etwas, das auch sein wird, wenn all die Kriegsarbeit aufhört. So wendet sich auch das zur Gemeinsamkeit mit Dir. –  – Denn dafür lebe auch ich! –  –

14.8. Von Otto Kohler hatte ich ein Briefchen aus Mainz, sehr mißgestimmt. Walter Hecht ist zu den Ferien hier; er ist im Elsaß fest angestellt und dabei befriedigt. – Du erwähntest Glasenapps nie mehr. Sind sie in Baden-Baden? — Wir hatten eine Zeit recht häufiger Alarme, Tag und Nacht. Man hört, daß es Wiesbaden und vor allem auch Straßburg traf. Noch war es nicht in unsrer Nähe, und du hast sehr recht, das einen großen Vorzug zu finden. Aber man bangt für andere eigentlich mehr als für sich selbst. — Nach vielen recht heißen Tagen, die anfangs immer gewittrig waren, ist es heute angenehm abgekühlt. Schon im Juli, bei ständigem Regen, sagte mir jemand, für den August habe der "Hundertjährige" Kalender
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| Hitze prophezeit. Wo ist eigentlich dieser Hundertjährige? Hast du ihn je gesehen? Ich wollte, er hätte auch noch eine andere Voraussage!
Heute nacht träumte ich sehr lebhaft von der Unerreichbarkeit. –
Hast du Näheres gehört über Dettmann? Der Bruder von Frau Kühn ist völlig abgebrannt, nicht mal aus dem Keller konnte er etwas retten. – Und Meineckes reisen. –
Es gab so viele wundervolle Sternennächte. Neulich war die Milchstraße so stark zu sehen, daß ich sie erst für eine beleuchtete Nebelschicht hielt. Meist ist ja in der Rheinebene die Luft dunstiger. Bei der Hitze habe ich ohne Verdunkelung alle Fenster auf, da sehe auch einmal wieder den "gestirnten Himmel über mir".
"Familie Buchholz" ist jetzt auch hier. Aber ich scheute die schlechte Luft und die Anstrengung für meine Augen. Denn sie machen mir oft Schwierigkeiten, und ich brauche sie für die Arbeit. Dagegen war ich mit Frau Kühn in – Schwetzingen! Sie konnte es nicht, und
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| die Frau tat mir so leid in ihrem Kummer, daß ich sie ein wenig ablenken wollte. Leider war es den Tag etwas trübe und drückend, aber sie war doch davon befriedigt. Der Park war herrlich in seiner gepflanzten Üppigkeit, die Wasser sprangen und das Kaffee im Rundbau war geöffnet. – Bei Hanne Hecht war der Abend recht gelungen. Sie hat eine starke und angenehme Stimme, aber man fühlt und sieht noch die Mühe, die es macht. Sie hat ja auch noch sehr wenig Unterricht gehabt. Besonders gut gelang ihr "Der Fischer" –  – Zwischen uns ist ein recht gutes Verhältnis. So verstehe ich mich auch besonders gut mit Dr. Cibis, und habe überhaupt unter meinen näheren Bekannten lauter gutgesinnte Leute. Umso mehr bedaure ich, daß meine Familie großenteils so weit entfernt ist.
Und sehr bedaure ich auch, daß mein Weinhändler jetzt völlig versagt. Er ist so aufgeregt, daß es unangenehm ist, mit ihm zu verhandeln, und behauptet, alles habe ihn im Stich gelassen.
Nun noch einen innigen Gruß und viel gute Wünsche!
Deine Käthe.

[li. Rand] Turban ist der Enkel des badischen Ministers; der Vater ist Architekt.
            und der Urenkel des Ministers Mathy.