Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. August 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. August 44.
Mein geliebtes Herz!
Heute überraschte mich ein lieber Brief von Dir – leider schon wieder aus Dahlem, denn ich hatte gehofft, daß Ihr länger in Freienwalde bleiben würdet. Das war doch eigentlich nicht die Mühe des Umzugs wert! Aber ich bin doch froh, daß es Euch dort gefiel und Ihr mal einige angenehme Eindrücke hattet. Schon vorher hatte ich Dir zu danken für den lieben Brief mit dem Büchlein der Reichenau. Ich kann sie freilich nur mit wundem Herzen ansehen, aber ich nehme sie doch immer wieder vor und gedenke dabei der schönen Gegenwart. – Allmälig ist mir auch noch manches klar geworden, was mit dem Ausblick dorthin zusammenhängt. Es lag diese Möglichkeit meinem Denken so fern! Ich begreife jetzt auch, daß das Fortgehen von Freienwalde schmerzliche Gefühle weckte, in Erinnerung an frühere Erlebnisse. – Mit meinem Zeitungslesen hat das aber nichts zu tun. Denn ernstlich ist unser Blättchen ja wenig inhaltreich, und dann enthält es überwiegend Lokales. Andre Dinge erfährt man nur brieflich und mündlich. Einzig den Heeresbericht lese
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| ich pünktlich, vor allem wegen der Einflüge. Aber meine Karte ist nicht sehr ausführlich und auch Andre, die alles genauer verfolgen als ich, sind nicht viel klüger. Man entnimmt eben nur den Totaleindruck. – – – – – Daß Euer Dach wieder so beschädigt ist, bedauere ich sehr. Hoffentlich wird es noch bei Trockenheit ausgebessert. Eigentlich aber schreit alles schon nach Regen. Der Boden ist ausgedörrt und in den Gärten wächst nichts mehr. Nach dem starken Angriff auf LudwigshafenMannheim, der nur ganz kurz, aber wirksam war, hatte ich auf den Briefumschlag eine Notiz [über der Zeile] für Dich gemacht, aber keine Karte geschrieben. – Sehr bedaure ich auch, daß Du wieder Geld überwiesen hast, so innig [über der Zeiel] ich Dir auch für deine Güte danke. Du brauchst es doch jetzt selbst und ich bitte Dich um die Erlaubnis, es Dir zu schicken. Auf der Sparkasse ist ja unangenehm viel Geld, und ich habe jetzt gerade 90 M verdient. –
Nach dem Neudruck des Goethebuchs hatte ich gerade mal fragen wollen. Nun ist auch diese Hoffnung zerstört. – Und dann noch etwas: Mit Deinem Brief kam heut einer von Hermann, der die Nachricht von einer schweren Verwundung seines Dieter [unter der Zeile] (am 31.7.) brachte. "Es ist ihm die linke Hand
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| weggerissen, und die Muskulatur der linken Gesäßhälfte verletzt. Er konnte sich noch selbst den Arm abschnüren und eine Morphiumspritze geben lassen, und kam in ein lettisches Kriegslazarett. Heute früh erhielten wir die erfreuliche Mitteilung, daß er im Städt. Krankenhaus in Danzig liegt, also werden wir morgen oder übermorgen hinüberfahren können. Er scheint leidlich gefaßt zu sein, meinte am Schluß des ersten Briefes, daß wir irgendwie mit dem Schicksal fertig werden würden" – – –   Auch sonst über die Mädels meldete H., daß die Jüngste von der Uni in Greifswald in der Gegend von Schneidemühl eingesetzt wurde und Gisela von Halle aus in Schloß Kagel bei Erkner an [über der Zeile] der Nachrichtenführung Ost zum Dienst beordert wurde. So werden die Familien möglichst auseinandergerissen. –
Eigentlich hatte ich morgen mit Frau Buttmi und Tochter Gunhild über Drei Eichen nach Waldhilsbach gewollt. Aber da die Ältere, Maria, morgens wieder in die Klinik muß, können wir nicht schon in der Kühle um 7 Uhr aufbrechen und werden die Sache vielleicht etwas später über die Bergbahn
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| und den Königsstuhl machen. Am Sonnabend ging ich [über Zeile] gegen Abend mit Elsbeth Gunzert-Wille von der Molkenkur über den schönen Waldweg bis zum Felsenmeer und von dort in großen Bogen bis zum Wolfsbrunnen, wo wir um 8 Uhr abends mit ganz wenigen Gästen die kühle Stille und Brot mit Butter genossen. Du kannst Dir garnicht denken, wie sehnsuchtsvoll mich solche Stunde macht. Ob uns je wieder so etwas beschieden ist? – Etwas, das mir wahrhaft von Herzen wohlgetan hat, ist der Bericht über Deinen Vortrag "Arbeitsschule". Da fühlt man, daß Deine Worte auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Wer hat den Bericht geschrieben?
Nun will ich aber bei 25°R Schluß machen. Es ist 9 Uhr abends und ich will nochmal gründlich durchlüften, was bei Licht nicht möglich ist. Ich lasse ja dann überhaupt alle Fenster und Türen offen stehen, außer der Eingangstür. Von Dr. Cibis das nächstemal. Das läßt sich auch gar nicht so einfach erzählen, denn ich höre ja nur Bruchstücke. Wer weiß, ob er das Buch noch unter Dach bekommt!?
Ich denke Dein, –  – An Susanne herzliche Grüße. Wenn doch Ida bleiben könnte! Auch sonst sind meine guten Wünsche mit Euch und meine liebevollen Gedanken bei Dir!
Deine
Käthe.