Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.August 44.
Mein geliebtes Herz!
Draußen bemüht sich der Himmel, ein Gewitter und den dringend nötigen Regen zustande zu bringen – und drinnen lastet die Schwüle, in jedem Sinne. Aber der Brief möchte doch gern am 31. bei Dir sein, am 31. August, an dem vor 100 Jahren mein lieber Vater geboren wurde, und der 1903 unser Gedenktag wurde. Weißt du noch, wie heiß es auch damals war, auf dem Weg über den Heiligenberg, vorüber an den einsamen Kiefern zu der Ruhe über Wilhelmsfeld, wo wir die bunte Feder fanden? Welch Kontrast zu dem Leben heute! Und doch schien Dir auch damals das Dasein voller Schwierigkeiten, und mir nicht minder. Wir haben gelernt, sie zu meistern, und wir wollen es weiter tragen, in der Gewißheit einer sinnvollen Führung. Voll Dankbarkeit sehe ich zurück auf diese vielen Jahre mit Dir – und für Dich! Denn das ist meines Lebens Sinn. Möchte ich ihn doch
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| auch einmal wieder etwas mehr betätigen können! Statt dessen muß ich in untätiger Sorge auf ersehnte Nachricht warten. Denn immer wieder ist Berlin im Heeresbericht genannt; und wie ich sehe auch Mannheim, obgleich wir dabei nicht beteiligt sind. Es ist so viel Alarm, oft dreimal täglich, daß man es eigentlich als ständiges Zubehör hinnimmt und nicht weiter registriert. Manchmal gehen auch die Schwärme in der Höhe über uns donnernd nach Osten – wer weiß, wohin?! Dann heißt es Stuttgart, oder Mitteldeutschland, aber Näheres erfährt man nur irgendwann unter der Hand. Wie oft auch bei Euch Alarm und kleinere Angriffe sind, das meldet kein Bericht; aber ich ahne es mit Sorge. Am meisten fürchte ich, was man so Schritt für Schritt kommen sieht; daß wir eines Tages vom direkten Verkehr abgeschnitten werden können. Wie alt und ergeben bin ich doch geworden, daß ich das denken kann, ohne schon jetzt zu verzweifeln!
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Von Hermann habe ich seit der ersten Nachricht über Dieter noch nichts gehört. Du kannst Dir denken, daß ich sehr warte. Möchte er ohne Zwischenfälle heilen! Man sagt wohl: gut, daß er das Leben behielt! Aber wie wird es sich gestalten? –
In der vorigen Woche war ein Pause mit dem Zeichnen, und das war mir der Augen wegen ganz lieb. Denn die Augenschmerzen sind wirklich zu einer Plage geworden, weil sie so hemmen. Ich würde manchmal gern noch schreiben oder lesen, aber gegen Abend kann ich oft nur halb die Augen aufmachen. Die nächtlichen Störungen bekommen ihnen nicht. Aber eine rechte Erholung war ein Tag mit Buttmis in Waldhilsbach; Mittagessen bekamen wir freilich auch nicht, wie Ihr in Freienwalde. Aber Marken nahm man uns nur ab, für Butter, Brot und Wurst, die uns bei der Hitze mit einem dünnen Most zusammen vollkommen genügten. Auf einer herrlichen Waldwiese gab es dann eine schöne Ruhestunde und später einen tüchtigen Marsch
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| über Linsenteicheck-Auweg, vorbei an Siefert, bis Schierbach. – Diese Woche hoffe ich mit Hedwig Mathy auf etwas Ähnliches. – Das soll so mein Ersatz für ausfallende Reisen sein. – Weniger für die Augen als fürs Gemüt war der Film: Immensee. Es ist ja nicht der Sinn der Stormschen Novelle, aber eine schöne Menschen- und Naturdarstellung, wohltuend zu sehen. –  –  –
– Nach mehreren untauglichen Versuchen ist nun wirklich ein tüchtiges Gewitter daraus geworden und hat sich mit gehörigem Regen, Blitz und Donner eingeführt und mit einem ganz heftigen Schlag hier oben im Walde verabschiedet. Da liegt nun wieder die Rheinebene und dahinter die Hardt in zarten Farben, fabelhaft klar – man kann den Trifels deutlich unterscheiden. Auch da heißt es: weißt Du noch?!x [li. Rand S. 5] x Nach dem Donnersberg, den wir in Hattenheim von der andern Seite sahen, spähe ich vergebens. Er bleibt im Nebel.
In diesen selten schönen Sommerwochen war Frl. Seidel bei – Stockinger. Ich bin begierig, was sie davon erzählen wird. Er war Patient in der Klinik, dadurch
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| ist sie dort angekommen. Man hat immer das Gefühl: wie gut, wenn jemand vor Toresschluß noch die Gelegenheit benutzt. So ist Gertrud Kohler nun durch Vermittlung von Rösel Hecht noch dazu gekommen, ihren Mann in Mainz zu besuchen. Sie konnte in der Nähe bei einer Nichte von Rösel übernachten. Wer weiß denn, wann und wo er eingesetzt wird! Das wird ein harter Abschied sein, heute.
So nimmt man teil an den Wünschen und Sorgen derer, die uns nahestehen. Am meisten aber kreisen meine Gedanken um die mehr geahnen Zusammenhänge, die Du andeutest. – Wie schmerzlich ist es auch, daß das Goethebuch wieder verbrannte. Wer weiß denn, ob er das eigne sicher bewahren kann? Immer mehr hört man von Leuten, die kaum etwas von ihren Sachen retten konnten. Und noch sind nicht alle Möglichkeiten der Entwicklung erschöpft.
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Vor kurzem habe ich mit Erschütterung den Michelangelo von Romain Rolland wieder gelesen und weit besser verstanden als das erstemal. Ich habe eben mehr von der Welt gesehen seitdem. – Welch ein Purgatorio trug dieser überreiche Mensch in sich, welch ein Widerstreit von Kraft und Schwäche. Und doch war er siegreich. Am furchtbarsten ist mirs, daß er so weit kommen konnte, sich zu verleugnen. Welche Qual für seinen freien Geist.
"Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn –  – " aber trotz der Leiden blieb Michelangelo Kämpfer bis zuletzt.
War jene Zeit grausamer als die Heutige? Ich glaube kaum. Wir waren durch lange Jahre des Friedens verwöhnt, nun kommt es doppelt über uns. –
Noch haben wir Heidelberger ein sehr ungestörtes Leben. Die Alarme und manche Unbequemlichkeit sonst sind wir gewohnt, aber die Tage haben etwas so Vorläufiges,
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| beinah Zweckloses. Es ist wie ein Fristen des Lebens für irgend etwas Künftiges. Bei allem fragt man sich: hat es noch einen Zweck? –  –  – Da hat es Susanne gut, die für Dich sorgen kann. Hoffentlich bleibt Ida zu ihrer Hülfe, wenigstens halbtägig. Aus lauter Sympathie werde auch ich nun ganz ohne Hülfe wirtschaften, denn Frau Kühn will "vorerst mal aussetzen". Sie ist in der Tat durch den Tod des Sohnes sehr mitgenommen, und der Vormittagsalarm ist ihr zu Haus weniger beunruhigend.
Von der Arbeit des Dr. Cibis wollte ich Dir noch schreiben, habe aber nur eine Sorte der Zeichnungen zur Hand. Zusammenhängend erklären kann ich Dir die Sache nicht, nur dies nicht verwendete Bild deuten, das verworfen wurde, weil es nicht drastisch genug wirkte. Der schraffierte Grund ist das "Gesichtsfeld", d. h. das Bild, das dem belichteten Teil der Netzhaut entspricht. Hier, in diesem pathologischen Falle ist nur der ganz kleine Bezirk in der Mitte, wo die
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| Linien <Zeichnung: drei waagerechte Striche mit jeweils einem Punkt darunter> und Punkte es angeben, farbenempfindlich, alles andere mehr oder weniger gedeckt. – Ich schicke dir nächstesmal auch eine andre Tafel mit, die aber erst aus der Klinik geholt werden kann, wenn ich wieder zur Arbeit bestellt werde. Das wird dann erklären, wie man diese Tatsache feststellt. Die Schlüsse daraus kann man aber nur aus der Arbeit entnehmen, von der man hofft, daß sie gedruckt wird. Sie hat eine gewisse Aussicht, das sie auch für militärische Zwecke Verwendung haben kann. Aber wer weiß! — Die beiden andern Blätter sind "privat". Die Blume ist eine Blüte der Asklepias, die ich seit Adeles Tode bei mir am Fenster stehen habe und die ich vorm Jahr malte. Diesmal hatte sie sehr viele solche wunderbaren Blüten, über 10 und hat nochmals 2 angesetzt. Sie haben einen sehr feinen Duft und machen mir Freude. Und die Zeichnung? Du wirst sie erkennen. Wir waren an der Stelle auch einmal zusammen: TillysteinDilsberger
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| Hof
DilsbergNeckargemünd. – Was gibt es überhaupt hier, das mich nicht an Dich gemahnte! In diesen Tagen ist nun jene allererste Zeit mir so besonders gegenwärtig und naturgemäß auch der Wunsch, doch auch einmal wieder mit Dir hier zusammen zu sein. Dabei ist es ja viel nötiger zu wünschen, Euer Haus möchte vor ärgerem Schaden bewahrt bleiben. Wird die Universität fortgeführt? Oder verlegt? Einzelne Fächer sollen ja schon nach außerhalb gekommen sein. Hier ist man vielfach in Sorge wegen der Fortsetzung des Studiums. Aber über solche Sachen der Verwaltung bist Du in der Regel besser unterrichtet als ich. Vom dem Besuch Straßburgs wird allgemein abgeraten. Was von den Lehrgebieten ist denn als kriegswichtig befunden?
Ist es symbolisch, daß unsre Heidelberger Erinnerungen ihren Rahmen verloren haben? Auf alle Fälle aber freut es mich, daß der Gehalt nicht Schaden litt. Diesen Gehalt, mein liebes Herz, wollen wir uns nicht nehmen lassen, von keiner Zeit und keinem Schicksal. Es war eine höhere Bestimmung darin,
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| und an uns ist es, diese Kraft in unserm Leben wirksam zu erhalten. Was mir auch die Zukunft bringen mag, ich habe nur Grund zur Dankbarkeit, denn ich habe durch Dich die Heimat in einer höheren Welt gefunden, in einer Welt, in der es keine Trennung gibt. Im Gefühl dieser Gemeinsamkeit grüße ich Dich innig. Sage auch Susanne herzliche Grüße, und laß mich Gutes von Euch hören.
Deine
Käthe.