Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. September 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Sept. 1944.
Mein geliebtes Herz,
Du kannst Dir wohl kaum vorstellen, wie wohltuend mir Dein Vorschlag mit dem Notquartier bei Euch ist. Mein letzter Brief sagte Dir ja, daß ich so lange wie möglich hier ausharren möchte, aber: daß ich im äußersten Fall zu Euch kommen könnte, schon dies Bewußtsein macht alles wieder leichter. Ich möchte nicht auf die Reichenau, sondern nur in die Heimat, wenn hier die Existenz aufhören sollte. Aber vielleicht schreibe ich noch an Emmy, wenn es als Übergang nötig werden sollte, diese Möglichkeit offen zu halten. Vorläufig beschäftigen uns hier jetzt am Tage drei bis vier Alarme. Am Sonntag, Dienstag und gestern war Mannheim an der Reihe – nein, heute vormittag war es, daß die Sache offenbar bis Friedrichsfeld oder Eppelheim vorrückte. Man sah wieder die Verbände wie
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| Taubenschwärme im Sonnenlicht glänzen; sah die Condensstreifen und Sturzflüge zum Angriff und, wie es heißt, auch Abschüsse. Ich bleibe meist im Keller, wo ich einen leidlich bequemen Platz habe und lasse die andern das Schauspiel genießen. Besonders die 3 Kinder sind sehr beteiligt, falls sie nicht gerade etwas in Angst geraten. Dies letztemal bebten die Erde und die Wände wie noch nie, aber gleich darauf war die Bande wieder draußen!
Lebensmittel habe ich allerlei, denn ich habe immer gekauft, was die Gelegenheit gab. Aber wird man es kochen können? Schon jetzt versagt das Gas recht häufig. Aber ganz allgemein nimmt man hier an, daß Widerstand oder andre Maßnahmen stattfinden werden und da muß man natürlich hoffen, rechtzeitig Reisemöglichkeit zu haben. Ein letzter Notanker bleibt noch Dielbach. –
Viel getarnte Militärautos und fremde Privatwagen kommen hier durch; es ist schon lebhafte
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| Flucht aus dem Elsaß von Leuten, die sich dort nicht sicher fühlen wegen der aufsässigen Bevölkerung. Aber auch bei uns sind die Leute nervös, und ein erneutes Sichern der Habe hat eingesetzt. Ich bin mir bewußt, daß ich im besten Falle nur retten werde, was ich an mir tragen kann. Verstecke habe ich nicht, und wo ist denn überhaupt Sicherheit? An meine Schwester habe ich geschrieben und gebeten, daß sie mir Unterkunft anbieten möchte, weil ich glaube, daß man zu einer Schwester eher Zuzugserlaubnis bekommt. Ich habe aber gleich gesagt, daß Du mir Notquartier bei Euch angeboten hast, damit sie nicht Sorge hat, mich unterzubringen, wo doch Hilde mit dem Kind da sein wird. – Reisen ist auf alle Fälle kein Vergnügen mehr. Eine Bekannte hat von Weißenburg hierher über 24 Std. gebraucht. Dagegen erzählte Frl. Seidel ganz entzückt von Stockinger: Lage und Gepflegtheit des Hauses, Verpflegung,
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| Publikum und Zimmer mit Balkon, Ruhe und Wetter, alles war prima. Preis 9 M und allerlei Nebenausgaben, also teuer, aber nicht zu teuer. Ich staune, daß es so etwas noch gibt. Wie hätte ich es Dir gewünscht! – Statt dessen bist Du unausgesetzt bei der Arbeit – wie schade, daß ich Dir nicht das Abschreiben abnehmen kann! – Also ein Ehrensenator ist bei der Mü[über der Zeile] nchner Akademie herausgekommen. Ich gratuliere. An Tölz-Vorderriß erinnere ich mich gut. Ebenso an unsern Besuch auf dem Heuberg. Ich muß dabei denken, ob die Dame, die uns damals so mißfiel, womöglich den Stein ins Rollen brachte? Es wäre furchtbar. Auch meine Gedanken kommen davon nicht los, und es gibt immer wieder auch andre Ursach, bedrückt zu sein. Vielleicht hat B. Schwarz mit dem Verlust seines Fußes das Leben erkauft. Oder war es keine militärische Übung, sondern ein persönlicher Unglücksfall? Die angegebene Adresse ist mir mal wieder delphisch. Wozu dient sie?
Sei innig gegrüßt, habe Dank – Du und Susanne von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Endlich ist jetzt das Knaps'sche Grab hergerichtet u. bepflanzt für 25 m.