Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. September 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Sept. 1944.
Mein geliebtes Herz!
Der Sonntagvormittag soll mir mal wieder die Zeit geben, Dir zu schreiben. Eben verfaßte ich ein Glückwunschbriefchen für mein Patenkind Hilde Bauer, geb. Ruge, die in Berlin in Vaters Klinik ein Töchterchen bekommen hat. Es ist nicht leicht, sich wahrhaft freudig zu äußern in dieser Zeit, und an diese Adresse ist mein Gebiet überhaupt beschränkt. Wo aber wäre das nicht der Fall!
Darum will ich zunächst mal verweilen bei etwas, das mir ungetrübte Freude gab, weil es an eine Welt rührt, die höheren Wert hat: den mitgesandten Brief des jungen Studenten. Fühlst du daran nicht, daß Du nicht vereinsamt bist? Da ist keimendes Leben, das seine Kraft bei Dir erhöht hat; es ist einer von vielen,
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| die Dich suchen. Denn diejenigen, die Dir schreiben, sind nicht die Einzigen. Solche Zeichen sind mir ein tiefes Glück, in Deinem und in Deutschlands Sinne. Aber wann wird die Zeit kommen für die Entfaltung dieses Strebens? Immer wieder klagt auch hier mein Arbeitgeber: wenn sie uns doch nur die Zeit gäben zu ungestörter Arbeit! Gestern konnte ich ihn mal fragen nach dem "springenden Punkt" des Neuen, das er fand. Und ich will versuchen, ob ich es wiedergeben kann, denn seine Erklärungen sprudeln so bunt heraus, als ob er mit Fachgenossen spräche
Also untersucht wird vor einer schwarzen Wand, die nach Graden eingeteilt ist, mit einer Sekundenuhr in der Hand des Arztes. So Der Patient muß genau den Mittelpunkt fixieren und angeben ,wann
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| ihm ein kleines Farbblättchen erkennbar wird. So wird mit verschiedenen Farben und Lichtstärken untersucht und die Empfindlichkeit des Auges abgetastet. Du siehst auf der Curve die bezeichneten Punkte, die den Verlauf angeben. (Die Stelle, wo ich den Pfeil machte, entspricht dem blinden Fleck). Es hat sich nun ein normaler Verlauf dieser Kurven ergeben, d. h. mit kleinen Abweichungen. Und das Wichtigste ist, daß Ort, Intensität und Zeit des Reizes für die Reaktion in einem festen Verhältnis stehen. Und daß man aus der Veränderung dieses Verhältnisses ganz bestimmte Schlüsse ziehen kann.
Dies soll ein Beweis sein, daß es keine sogenannte Seelenblindheit gäbe, und wäre nicht nur diagnostisch, sondern auch philosophisch von Interesse. Dr. C. hofft, dieses Gesetz auf mathematische Formeln
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| zu bringen. Er untersucht jetzt eifrig an Hirnverletzten, von denen ihm ja der Krieg trauriges Material liefert.
So habe ich also fortlaufend für ihn zu zeichnen, was mich auch etwas verpflichtet, möglichst lange hier zu bleiben, ganz abgesehen davon, daß ich etwas Anderes garnicht für technisch durchführbar halte. Einige Tage glaubte ich schon, das Schanzen sei flott im Gange, denn die Soldaten ziehen täglich kompanieweise mit Spaten auf den Berg. Und die Organisation Tot hat an der Stiftsmühe eine große Niederlassung. Aber es wird versichert, die Arbeiten seien nur für Splittergräben etc., weil jetzt die Soldaten bei Angriffen nicht mehr in den Kasernen, sondern im Wald sein sollen. Nach den Erfahrungen von Darmstadt. Wir liegen also mit unserm Häuschen mitten zwischen beiden Zielen!
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Du weißt, mein Liebling, daß ich nicht aufgeregt bin. Manchmal überkommt mich das Bewußtsein der heutigen Lage so, wie man sich die Wirkung des Medusenhauptes denkt, und ich bin in einem seltsamen Zustand zwischen Schlaf und Wachen, unwirklich, ohne Boden unter den Füßen. – Aber für gewöhnlich habe ich alle Gedanken nötig, um das tägliche Leben einigermaßen zu meistern und womöglich nicht mehr als die Hälfte von dem zu vergessen, was ich tun wollte.
So habe ich also auch an Gertrud Kohler geschrieben, und hoffe, im Notfalle dort Zuflucht zu finden. Was ich freilich dann noch retten kann, auch von dem, was Du mir zur Aufbewahrung sandtest, ist sehr fraglich.
Hoffentlich erfüllen sich die günstigeren Bedingungen, von denen Ihr in Potsdam
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| hörtet. Viel Hoffnung ist nach andern Erfahrungen freilich nicht. Du sprichst von einer letzten Scene, ich fürchte aber, es beginnt erst der letzte Akt.
Wie dem auch sei, wir wollen nicht unterliegen. So bald es geht, schicke ich Dir ein kleines Buch von wunderbarer Kraft, das mir eine rechte Wohltat war. Ich schrieb Dir schon davon: das Tagebuch der Margarete More. Augenblicklich haben es Schoepffers.
Daß Hanna Hecht im studentischen Auslandsdienst für Italien eingesetzt war, aber nur bis auf den Brenner kam, schrieb ich wohl schon. Jetzt arbeitet sie hier als Sekretärin.
Grüße Susanne vielmals; und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.
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– – was auch geschieht – Immerdar.
[li. Rand] Von Dieter schrieb ich letztesmal. Seitdem hörte ich nichts mehr.