Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. September 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Sept. 1944.
Mein geliebtes Herz!
Der Sonntag vormittag ist trübe und kühl, wenig belebend, um einen Brief zu schreiben. Die Woche ist wieder abgerollt wie gewöhnlich, mit mancherlei vergeblichen Absichten. Aber gestern ist es doch geglückt, noch einmal die Weinkiste auf die Reise zu schicken. Es ist freilich nur ein mangelhafter Inhalt: 1 Fl. franz. Rotwein, 1 Fl. guter Weißwein (der sehr gelobt wurde), ½ Fl. franz. Cognak, 1 Fl. Fruktamin. Es werden täglich nur noch 50 Pakete hier angenommen und am Freitag um ½ 9 Uhr wurde ich bereits abgewiesen. Da ist es gut, daß Drechlers in der Nachbarschaft wohnen, sodaß ich die Kiste dort abstellen konnte und am nächsten Morgen um ¾ 8 – (um 8 wird geöffnet) expedieren. Bei Dr's ist auch viel Sorge und beide Frauen, besonders die Tochter, leidend. Durch sie lernte ich eine Frau Dr. Frobenius kennen, die in Ziegelhausen wohnt. Diese ist durch die Schwierigkeiten der Kriegslage zusammen geklappt, fürchtete sich, allein zu sein und ließ mich fragen, ob ich "einige Tage" zu ihr kommen würde? Das habe ich abgelehnt. Schon
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| des Zeichnens wegen, und dann stehe ich ihr wirklich nicht nahe genug – – oder bin nicht christlich genug – für solches Opfer. Sie ist eine interessante und elegante Frau, aber mir zu pretiös. Ich habe ihr vorgestern einen Besuch gemacht und hörte, wie sie unter der Unfähigkeit litt, einen Entschluß zu fassen, entweder zu ihrer Mutter nach Erfurt zu gehen oder in ihrer Wohnung hier zu bleiben. Sehr wertvolle Sachen hatte sie bereits vorausgeschickt, und allein bleiben könne sie nicht, wußte aber so gut wie wir alle, daß die verlassene Wohnung preisgegeben sei. Nun höre ich, daß sie vorgestern doch abgereist ist. – Aber höre, was ich seltsam Schönes bei diesem Besuch erlebte. Sie hatte einen Brief von Frau v. Heinz, der sie befreundet ist. Und diese schrieb ihr von Deinem Brief an ihre Mutter und so las mir in Ziegelhausen Frau Frobenius vor, wie du schreibst: "daß wir diese Zeit wohl verdient hätten, weil wir unserm Idealismus untreu geworden waren, und daß es Aufgabe sei, dies Erbe zu bewahren und zu hoffen, daß ihm und uns auch wieder eine Zeit komme, wo man es braucht." So etwa – also unser eigenstes Denken! Es war wie eine Begrüßung über Raum und Zeit hinweg. Und in der Nacht habe ich wieder
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| sehr lieb und friedvoll von Dir geträumt. –  –  – War es nun sehr lieblos von mir, diesen Wunsch nicht zu erfüllen? Es geht doch niemand bei diesen ständigen Alarmen gern länger von Hause fort. Ich fahre ja nicht einmal nach Dielbach, so gern ich das täte! Wäre es hier am Ort gewesen, war es was Anderes. Und dann auf unbestimmte Zeit! – Jedesmal, wenn ich in Ziegelhausen war, der Waschfrau wegen, wurde ich dort von Vollalarm überrascht. So auch diesmal.
Da meine Augen mir viel Schmerzen machen, bat ich Dr. Cibis mich mal zu untersuchen. Er hat mir eine neue Brille verschrieben für meine Arbeit, bifokal, von der jedes Glas 12,65 kosten wird, wenn sie in etwa 6–8 Wochen wirklich noch geliefert wird. An den Augen selbst ist nichts krank; sie seien für meine Jahre noch ungewöhnlich frei von Altersveränderungen. Aber deswegen tun sie doch weh!! – Hoffentlich ist diese Brille nun das Richtige; die beiden letzten waren nicht geglückt. Und besonders kürzlich beim Malen eines entzündeten Auges hatte ich große Schwierigkeiten bei der beständig wechselnden Einstellung auf Patient und Arbeit.
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Von Stolp hörte ich nichts wieder seit dem 8. Sept. Die Heilung ging damals nach Wunsch, aber es wird sich so schnell nichts ändern. Der Arme ist doch furchtbar schwer getroffen worden. – Hermann schrieb, daß von seinen verbliebenen 9 Lehrkräften 3 erkrankt waren. Aber sie haben dort noch Schule. Wir Grenzlandleute haben überhaupt keine mehr; Lehrer und Schüler sind im "Einsatz". Darüber könnte man viel Einzelheiten erzählen. –  – Es kam mir in den Sinn, "Hermann und Dorothea" wieder zu lesen, und die lebensvolle Schilderung dieser Flüchtlingszeit bewegte mich lebhaft, obgleich sie ja aus gesicherter Distanz gesehen ist. Auch darüber wäre manche Einzelheit zu erzählen. Alle Erfahrenen raten da entschieden zu bleiben, wo man ist und nur auf Zwang fortzugehen. Augenblicklich ist der Bahnverkehr sehr unterbrochen und stockend. Die Züge werden viel beschossen und die wenigen, die fahren sind überfüllt. Ganz so gespannt wie vor einer Weile ist augenblicklich die Stimmung nicht. Der Bericht über Mannheim vom 22. ist, wie mir scheint, veraltet. Das war doch länger her. Aber wir haben so viel Alarm, daß man schon nicht mehr Einzelheiten behalten kann. Das würde
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| wohl anders, wenn sich das Bild etwa mal änderte. Wenn irgend etwas von hier zu melden wäre, schriebe ich sofort. – In den letzten Tagen hatten wir sogar ziemliche Ruhe.
Von Susanne hatte ich eine liebe Karte, die mich sehr freute. Hoffentlich sind die Birnen ordentlich nachgereift, und sie hat auch daran teilgenommen. Freilich waren es leider nur wenige. – Sie schreibt, daß die ostpr. Schwester in Potsdam sei, und sie wollten sie vorläufig nicht fortlassen. Denkt sie denn daran, wieder nach Gumbinnen zu gehen?
Wir hatten hier kürzlich einige bezaubernde Herbsttage, so verschleiert und zart in den Farben wie die kleine Skizze. Darüber kann man für Augenblicke alles Elend vergessen. – Ich freue mich, daß Ihr den Ausflug nach Woltersdorfer Schleuse so genossen habt. Wenn so etwas doch öfter vorkäme! Man tut doch gut, es mit dem "Mann in Syrerland" zu halten!
Ich habe immer besondere Freude an der Anhänglichkeit der Jugend. Ursel Kohler und Hanna Hecht sind mir wirklich nahe und ich
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| fühle, daß ich ihnen etwas bin. So hofft man doch, daß man was mit sich fertig gebracht hat und daß es nicht nur Theorie blieb.
Da hast du nun mal wieder einen rechten Plauderbrief ohne eigentlichen Inhalt! Wie viel lieber redete ich mit Dir. Da würde vorerst der Stoff kein Ende nehmen.
Ich wünsche Euch recht wenig Alarm und sonnige Tage. Hier ist es heute recht häßlich kalt. Ich habe noch nie so ungern die Zunahme von Dunkelheit und Kälte gesehen. Früher hatte ich den Winter sehr gern.
Umso wärmer sind Herz und Grüße. Bleibe gesund und denke mein! Sage Susanne Dank für Ihr Schreiben und grüße sie ebenfalls herzlich.
Deine
Käthe.