Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. November 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Nov. 1944.
Mein lieber Eduard!
Du weißt zwar auch ohne Worte, daß meine Gedanken bei Dir sind, aber ich freue mich doch, es Dir wieder einmal zu sagen. Und erzählen möchte ich Dir, daß wir hier immer noch verhältnismäßig unbehelligt leben. Zwar ist recht häufig Alarm, aber es geht noch immeranandere Ziele. So kann man seiner Arbeit ziemlich ungestört nachgehen. Das Zeichnen in der Klinik hat freilich einige Tage ausgesetzt, da der Oberarzt anderweit in anspruch genommen war, aber es geht bald weiter, denn es handelt sich ja nun um Beobachtungen an Kriegsverletzten.
Von meinem schwerverletztem Neffen Dieter hatte ich einen längeren, mit seiner einen Hand selbstgeschriebenen Brief, so deutlich daß man jedes Wort lesen konnte, was man bei Leuten mit zwei Händen nicht immer findet. Er ist nach einem mühsamen Transport von drei Tagen nun im Protektorat bei Tabor untergebracht, leider recht weit von der Familie, die ihn in Danzig besuchen konnte. Es geht ihm leidlich.
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Wir hatten noch einige wirklich schöne Herbsttage, und ich bin sogar zweimal oben im Wald gewesen. Einmal habe ich Pilze gesucht, was dann ein Abendessen gab; und einmal am Sonntag holte mich Rösel ab und wir wanderten auf bequemen Wegen ohne bestimmtes Ziel. Die herbstliche Färbung und der Blick in die Rheinebene waren sehr schön, aber Du kannst dir denken, daß man es nicht freien Herzens genießt. Sonst komme ich nur zu Pflichtwegen aus dem Hause. Desto weiter wandern die Gedanken, immer den gleichen Weg. – Abends fesselt mich das Buch von Drost über mittelalterliche Baukunst. Die Deutung, daß das Ruhen im Überpersönlichen eine ungeheure Quelle der Kraft und inneren Sicherheit gewesen sei, was im romanischen Baustil sich ausdrückt, sagt mir sehr zu. Ich denke dabei unter anderem auch an Alpirsbach.
Ich grüße Dich von Herzen und wünsche Dir Kraft, das Schwere dieser Tage in Zuversicht zu überstehen. Wie immer
Deine
Käthe.