Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Dezember 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Dez. 1944.
Mein geliebtes Herz!
Nach den ersten Tagen der Verwöhnung seit der Karte vom 14.XI. war nun das Warten an mir. Gestern kam Dein liebes Schreiben vom 30.XI. von dem ich hoffte, es werde mir das Eintreffen einer ganzen Serie von Briefen melden. Ich habe leider nicht genau Buch über meine Antworten geführt, habe aber jeden Deiner Briefe pünktlich beantwortet und meiner Meinung nach auch einmal mehr geschrieben. Deine Briefe vom 15. u. 17. erhielt ich zusammen am 23. – und habe am 24. geantwortet. Ich war anfangs noch wie unter einem Bann, aber jetzt hatte ich die freudige Gewißheit einer ungehinderten Mitteilung wieder gewonnen und machte ausgiebigen Gebrauch davon. Es sollte mir leid tun, wenn das verloren gegangen wäre. Es war ja nichts von Bedeutung, aber ein richtiges Plaudern vom Täglichen, so im Wunsch die Fühlung, auch im Kleinen
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| wieder herzustellen ist. Im Großen wirst du ja viel verändert gefunden haben in der langen Zeit. Auch die Unpünklichkeit der Post gehört dazu. Wir sind hier so nahe der Front und sehen so viel Ungewohntes, daß ich mich eigentlich über dies mangelnde Funktionieren weniger wundere, als darüber, daß es doch immer wieder noch geht. Unsre Elektrische fängt jetzt auch an, auszusetzen, mehrmals waren wir ohne elektrisch Licht, und das Gas kommt täglich von ½ 12 – ½ 2 mittags, ½ 8 – ½ 9 abends und morgens bis ½ 8 – aber am Montag und Donnerstag bleibt es aus bis zum nächsten Morgen. Man kann sich ganz gut damit einrichten, aber ist natürlich in seiner Tageseinteilung dadurch sehr behindert. – – Aber traurig ist es, wie sehr alle Gedanken von dieser täglichen Geschäftigkeit hingenommen sind. Überhaupt ist mein Gedächtnis noch viel, viel schlechter geworden und ich bin immer in Sorge, irgend
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| etwas Wichtiges zu vergessen. Dabei lebt man so dahin, als sollte es unbegrenzt weiter gehen. Es ist auch so viel zu tun, daß die Tage nur zu kurz sind. Der Alarm hört jetzt selten auf, meist nur, um gleich darauf wieder einzusetzen. Aber Vollalarm ist selten und nur dann geht man in den Keller. Aber wir sind jetzt vorsichtig auf der Straße wegen der Tiefflieger. Im Unterbewußtsein horcht immer etwas auf die dumpfen Geräusche in der Ferne, die wir "Truppenübung" nennen. Er wechselt an Stärke und Richtung.
Also nach dem 26. schrieb ich noch am 29. am 2.XII. u. 4.XII. sowie an Susanne. –
Draußen bemalen die Scheinwerfer den Himmel, und die Venus strahlt dazu in einer Pracht, daß man zuerst denkt, es sei eine Leuchtrakete. Und ich will nun diese Zeilen zur Post bringen in der von Dir gewünschten Art. Aber ob damit eine Beschleunigung
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| erzielt wird, ist mir sehr zweifelhaft.
Die mitgesandte Todesanzeige hatte ich schon hier gelesen, aber ohne die Angabe der Ehrentitel. Ich dachte nicht, daß er schon so alt war. Für mich ist er der schneidige, lebhafte und anregende Mensch von dazumal geblieben. – Vorhin war ich einige Stunden in der Stadt und wollte Einkäufe machen. Es war aber wenig Erfolg. Gestern war ich vor- und nachmittags zum Zeichnen in der Klinik, und war abends zu müde, drum kommt dieser Zettel erst heute.
Wann wird er bei Dir sein? – Könnte ich doch mit ihm reisen. Aber das ist wohl bald völlig ausgeschlossen, und wir alle hier versichern uns immer wieder, wir wollen bleiben. Es ist merkwürdig, aber eine allgemeine Erscheinung: die Seßhaftigkeit trägt den Sieg davon über alles andere Verlangen.
Aber schreiben will ich bald wieder! Heute noch viele herzliche Grüße Dir und Susanne.
In stündlichem treuem Gedanken mit innigen Wünschen
Deine Käthe.

[li. Rand] In Sorge wegen des <Wort unleserlich> Terror-Angriffs.
<Beiliegend: Anschreiben an Herrn Dr. Matussek in Würzburg, mit der Bitte um Weiterleitung des Briefes.>