Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17. Dezember 1944 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 16. Dez. 1944.
Mein geliebtes Herz!
Dies soll ein Weihnachtsbrief werden, aber wie kann man bei dem ständigen Alarm eine gesammelte Stunde finden, um das zu schreiben, was das Herz bewegt? Es war mir eine große Freude, dies Büchlein der "kleinen Stadt am Bodensee" durch Frl. Herocourt zu bekommen, und ich bin gewiß, Dich erfreut es auch, wenn es glücklich in Deine Hände kommen sollte. Aber ich habe augenblicklich leider den Eindruck, als fänden die Sendungen nicht den Weg von mir zu Dir. – Durch Susannes Brief hörte ich zu meiner Beruhigung, daß wieder der Angriff im Bunker ohne Schaden überstanden war. Auch hier ist mancher Vollalarm ohne wesentlichen Schaden vorübergegangen.
[2]
| Aber die Bahnhofgegend hat doch einiges abbekommen, und in nicht allzu großer Ferne gibt es täglich ein paarmal tüchtige Detonationen. Gestern, Freitag abends, faßte mich ein nachhaltiger Alarm bereits in der Klinik, sodaß ich dort schon in den Keller mußte und dann bei Voralarm im Dunkeln nach Hause ging. Es ist in solchen Stunden immer ein reger Verkehr auf der Landstraße von Leuten, die es nach der Arbeit heim verlangt.
Meine Arbeit ist jetzt wieder in ein anderes Stadium getreten. Dr. Cibis glaubt, noch sehr richtige neue Dinge gefunden zu haben, und drängt zur Veröffentlichung. Also ist auch das Zeichnen eilig. Er hat mir ein Exemplar seiner Schrift für Dich versprochen, und er ist überzeugt, daß es Dich interessieren wird. Ich sagte ihm ausdrücklich, daß Du aber keine experimenteller Psychologe seist,
[3]
| jedoch er versichert, es sei eine gedankliche Konstruktion.
Sonst ist von hier eigentlich nichts Wichtiges zu berichten. Aber von Post kommt, wie es scheint, fast nichts mehr durch. Auch von meiner Schwester hörte ich sehr lange nichts. Die fieberhafte Ungeduld der ersten Zeit des Terror-Krieges hat nachgelassen, man wartet still, und man hat gelernt, daß trotz allem immer noch einiges unbetroffen bleibt! So läßt man nicht von der Hoffnung. Und meine Hoffnung ist bei dir, und möchte die Kraft haben, auch deine Zuversicht zu erhöhen. – Es ist so schwer, daß nach den ersten drei lieben Briefen von Dir noch immer keine regelmäßige Verbindung herzustellen war. Ich schrieb und schriebx [li. Rand] x (29.XI, 2.XII., 4.XII., 8.XII., 11.XII. und sogar am 24. u. 26 XI.), aber nach am 30 Nov. sagte mir Deine Briefkarte, daß nichts davon angekommen war. Freilich hört man hier von Postsachen, die wochenlang brauchten und doch noch bestellt wurden.
Damit dies möglichst rasch geht, will ich es eingeschrieben schicken. Denn irgend etwas
[4]
| soll doch als Weihnachtsgruß bei Dir sein, da ein Wochenkalender bisher nicht aufzutreiben war. –
Nun wird doch dieser Brief erst am Montag fortkommen und ich kann hoffen, morgen eine bessere Gelegenheit zum Schreiben zu haben. Heute war eigentlich seit 12 Uhr dauernd Luftgefahr, und wenn ich auch nicht ängstlich bin, so muß man doch immer sprungbereit mit dem Gepäck gerichtet sein. Wieviel Zeit bringt man doch nutzlos auf diese Weise zu! Um 12 Uhr kam ich hungrig nach Haus und fand schon die andern im Begriff, in den Keller zu gehen. Es war aber noch nichts zu hören, und so konnte ich mein Essen bereiten (Filetbeefsteak und Nudeln) und es mir sehr gut schmecken lassen. Später ging ich noch in den Keller, aber es kam nichts in unsere Nähe, jedoch die Anilinfabrik soll etwas getroffen sein. – Das sind so die Dinge, die mit Variationen täglich abwechseln. Hiobsbotschaften nehmen kein Ende, aber davon berichte ich Dir nicht gern. Außerdem ist ja alles
[5]
| schon historisch, bis es Dich erreicht, und vieles läßt sich gar nicht schreiben.
Was Du von den vergangenen dunklen Wochen erzähltest, bewegt meine Seele noch immer. Aber dann kommt auch wieder die Dankbarkeit, Dich daheim zu wissen. Und ich bin glücklich, daß auch Susanne schreibt, was ich gleich bei Deinem ersten Brief vom 15. Nov. fühlte, daß Du wohl körperlich mitgenommen, aber geistig frei diese Nervenprobe überstanden hast. Das ist, was mir die innere Ruhe wiedergegeben hat.

Sonntag, 17.XII. der vierte Advent.
Man muß es sich sehr deutlich machen, daß Weihnachten vor der Tür steht, denn von außen kündet es sich nicht an. Auch sonst war diese Zeit des Jahres voller Unruhe; aber es war eine Vorbereitung, andern Freude zu bereiten. In diesem Jahr weiß man nicht einmal, ob der Gruß treuer Liebe, den man einzig zu senden hat, auch sein Ziel erreicht. Aber ich will
[7]
| es doch versuchen und ich will Dir sagen, wie Du das Licht dieser dunklen Weihnachtstage für mich bist. Wie soll ich Dir danken, und der göttlichen Fügung, die Dich vor 40 Jahren zu mir führte, für all den Reichtum, den Du meinem Leben gabst! Jetzt, im Augenblick der ungewissen Zukunft, steht das beständig leuchtend vor meiner Seele. Auch das kleine Buch weckt laufend liebe Bilder, und zugleich zeigt es, was uns an unserm See noch alles zu erleben übrig ist. Aber das ist ja nur der Hintergrund für das Unvergängliche, Ewige, das uns dort miteinander zuteil wurde. Und darin lebe ich, Dir verbunden über Raum und Zeit hinweg. Sollte der Krieg uns kein Wiedersehen gestatten, so sei gewiß, daß meinem Leben trotz allem die Erfüllung wurde, die ihm bestimmt war. Das macht mich gefaßt all den Möglichkeiten gegenüber, die drohend vor uns stehen.
Trotzdem habe ich rechtes Verlangen, bald mal wieder ausführlicher von Dir zu hören. Ich hatte
[7]
| anfangs des Monats so gehofft, unser Briefwechsel werde nun wieder regelmäßig werden, aber (– – da gab es wieder Vollalarm, dazwischen war Ruhe zum Abendbrot und dann wieder Aufenthalt im Keller bis ½ 10. – –) aber, wollte ich sagen, es ist keine Möglichkeit, das gewohnte Hin und Her von Brief und Antwort herzustellen. Wann magst Du den Brief über Würzburg vom 2.XII. und den von hier am 4. wohl erhalten haben? Von Dir bekam ich seit der Karte vom 30. Nov.! nichts. (No. 6)
Einige Plätzchen sollen morgen gleichzeitig abgehen und auch was Süßes für Susanne, das ich sie bitten lasse, nicht als Weihnachtsgeschenk anzusehen. Es ist beim Einkochen für sie gemacht und ihr damals gleich bestimmt gewesen. Hoffentlich kommt alles an!
Und nun noch die innigsten Grüße, mein geliebtes Herz! Ich wünsche Euch einige stille, besinnliche Stunden im Gefühl gemeinsam überstandener Not und laßt mich auch in Gedanken dabei sein. Auch an Susanne viele Grüße und Dank für ihren Brief.
Immer
Deine Käthe.