Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Dezember 1944 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Dez. 44.
Mein geliebtes Herz!
Nun haben die Feiertage doch nicht die erhoffte Ruhe gebracht, zum Teil deshalb, weil ich noch zu viel mit dem nun wenigstens in der Hauptsache fertigen Kalender zu tun hatte. Zum Teil aber auch, weil ich viel mit andern zusammen war. Es tut mir so leid, daß ich nicht eher auf die Lieferung aus dem Papierladen verzichtete. Nun hast Du zum Jahreswechsel den nötigen Kalender nicht rechtzeitig! Hoffentlich kann er Dir aber auch verspätet noch nutzen.
Am Heiligabend war ich überhaupt nicht vor der Tür, und außer mit der Hausarbeit nur mit dem bewußten Machwerk beschäftigt. Mit vielen lieben Gedanken gingen die Stunden in weihnachtlicher Stimmung hin. Äußerlich aber waren sie von unausgesetztem Alarm erfüllt, der natürlich manche Störung und Aufenthalt
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| brachte, wenn die Flugzeuge näher kamen und Vorsicht geboten schien. Deine Ermahnung läßt mich da immer aufmerksamer sein als ich von Natur wäre. Aber auch außerdem ist es jetzt wohl auch für uns ratsam geworden, denn es kann nun doch wohl auch mal die Reihe an uns kommen. –
Mit Teilnahme denke ich an Deine arme Schwägerin Annemarie [über der Zeile] Heß??, und hoffe, daß sie inzwischen beruhigende Nachricht von Mann und Tochter hatte. Doch ist wohl trotz der verbesserten Lage an der Front die Gefährdung in Lahr nicht geringer geworden. – Daß ich Deine zwei lieben Briefe vom 12. und 17. gleichzeitig am 20. bekam, schrieb ich Dir wendend, und dann nochmals (mit den 2 Päckchen der beiden Strümpfe.) Die sind hoffentlich inzwischen eingetroffen, da die eingeschriebenen Sachen gewöhnlich schneller gehen. Versuchshalber schicke ich dies gleichzeitig uneingeschrieben, während der Kalender abgeht.
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Von dem Verlauf der Feiertage muß ich Dir doch noch erzählen! Wirklich schön war es am 1. Feiertag bei Schoeppfers. Ich war zu Tisch eingeladen, aber fast wäre ich durch Vollalarm am Hingehen verhindert. Ich wagte es dann doch und zum Glück kam auch nichts in die Nähe. Das Essen war friedensmäßig gut, und nachher eine Tasse Kaffee mit echtem Beigeschmack, sowie folgende Nachmittagsruhe. Es war eine behagliche Stimmung und gutes Einvernehmen, nach dem Abendessen eine kurze, schlichte Andacht und es wurde nochmals der Christbaum angesteckt. Alle sangen, sogar ich: O Du fröhliche – – etc. und es klang hübsch zusammen, – dann las auf Wunsch der Frau der alte Herr einige Verse, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Es ist so fein, wie dieser Mann, der fast blind und sehr schwerhörig ist, sodaß er sich wenig betätigen kann, innerlich ein reiches Leben führt, ohne alle Verbitterung und Unzufriedenheit. Stimmungen und tiefere Eindrücke gestalten sich ihm zu
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| gebundener Sprache in schönen eindrucksvollen Versen. – Damit schloß dann der Abend einen wirklich schönen weihnachtlichen Tag, der mich innerlich bereichert hatte, indem ich teilhaben durfte an einem Leben echter Frömmigkeit. Es ist garnicht irgendwie betont, sondern als selbstverständlicher, sicherer Lebensgrund zu fühlen.
Die Nacht war alarmfrei und der zweite Feiertag brachte auch für uns nur die üblichen Sirenenklänge, aber kein näheren Angriffe. Es gibt ja oft Detonationen, bei Tag und Nacht, aber noch bleibt es in ziemlicher Entfernung. So auch heute, wo wohl Wiesloch oder diese Gegend hauptsächlich mit Maschinengewehr beschossen wurde. – Am Dienstag war ich bei Butttmis, mit einem Ehepaar aus Weinheim, die ich schon kannte; einem früheren Lehrer, der seiner Frau wegen aus dem Beruf gehen mußte. Sie haben Tochter und Sohn, von denen besonders der letztere unter den Lebensbedingungen leidet. Die Tochter ist auffallend groß, ebenso wie die
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| Inka Froelich in unsrem Hause. Mir scheint es in letzter Zeit häufiger zu sein, daß junge Menschen unverhältnismäßig in die Länge schießen. – Die Unterhaltung war mäßig.
Heute war wieder viel wechselnder Alarm, und um 3 Uhr kam dann Hanna Hecht zu mir, die eine Vorliebe für meine stille Klause hat. Ich hatte einen selbstgebackenen Kuchen, den ich für solche Zwecke abgespart hatte, da ich ja bei andern Festkuchen bekam. – Gestern abend nun schickte Frau Froelich zu mir herauf, ob ich nicht nach dem Abendbrot zu ihrem Lichterbaum kommen wolle? (Da war wieder die geplante Schreibezeit fort!) Ich mochte nicht ablehnen, da es mich freut, daß jetzt so wohltuende Einigkeit im Hause herrscht. Auch die Wirtsleute sind von ungewöhnlich guter Stimmung und das ist natürlich bei all den kleinen Schwierigkeiten und dem nahen Beieinander im Luftschutzkeller angenehm. Woher dieser gute Barometerstand kommt, weiß ich nicht, ebenso wie sich das Gegenteil nicht begründen läßt. Mit Froelichs stand
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| ich aber immer in korrekter Beziehung, nur hat sich jetzt eine etwas nähere Bekanntschaft daraus entwickelt. Die Frau ist in trauriger Lage, der Mann im Osten vermißt (man spricht sogar von überlaufen!) und sie muß für ihre 3 Kinder verdienen, geht halbtägig in eine Schneiderei in Nußloch. Das ist für die beiden größeren Kinder schlimm, denn sie verwahrlosen unter dem Mädchen, das keine Autorität über sie hat sondern nur schimpft und haut: – traurige Kriegsfolge in der Stille. –
Und bei mir ist es auch in andrer Art fühlbar. Mein Gedächtnis ist derart unzuverlässig, daß ich mir richtig senil vorkomme. Ich kann jetzt nicht mehr sagen, ich wäre kein "Halbsimpel"! Immer aber hofft man, alles solle sich wieder bessern. Auch in Anbetracht all dessen, was man drohend vor sich sieht, hofft der Mensch doch heimlich, verschont zu bleiben, mindestens wünscht er immer, noch vorher dies oder das fertig machen zu können. So hoffe ich, in den nächsten Tagen den Kalender-hintergrund zu zeichnen und jetzt hoffe ich auf eine ungestörte Nacht für Euch und uns. Erkälte Dich nicht bei diesem starken Frost, sondern heile den Katarrh rasch aus. Grüße <li. Rand> Susanne vielmals und entschuldige bei ihr mein verzögertes Schreiben. Hoffentlich höre ich von Dir bald und es kommt noch Brief 7 nach, der <li. Rand S. 5> ausgeblieben ist. Von mir gingen 2 Päckchen am 21.XII. und 2 Briefe am 18. an Dich ab. (letztere Plätzchen und Buch.) Ebendann Quittenpaste für Susanne.
<Kopf S. 6>
<ca. 6 Wörter unleserlich>, immer
Deine Käthe.