Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Januar 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 1.I.45.

folgt auf die Postkarte
vom 2. Feiertag [über der Zeile] 28.XII. mit
Bestätigungen. Ich beginne mit
Nr. 1. (für 1945.)
Mein innig Geliebtes!
Inzwischen ist noch ein weiteres liebes Geschenk von Dir eingetroffen: der Kalender, der sehr viel hübscher gemacht ist als meiner. Er ist nur 4 Tage unterwegs gewesen. Du bist mit Deinen Gaben üppiger gewesen, als es sich die kühnste Phantasie für Weihnachten 1944 vorstellen konnte. Abgesehen von dem, was mir ideell wertvoll ist, bedeuten ein paar wollene Strümpfe jetzt eine höchst willkommene Auffrischung der zusammenschrumpfenden Bestände. Und nun sind sie, wie auch der Kalender, sogar von Dir selbst gemacht! Ich bin Dir dafür wirklich sehr dankbar.
Das Geleitwort zu Fichtes "Bestimmung des Menschen" ist heute nach sehr mühseliger Arbeit im Unreinen fertig geworden. Nun brauche ich noch 5 fast volle Arbeitstage zum Abschreiben; aber zunächst muß ich mich wieder den Semesterpflichten zuwenden. Außerdem habe ich so gegen 30–40 Briefe geschrieben, die Neujahrspost aber ist eigentlich noch garnicht da.
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Nach längerer Pause hatten wir gestern Abend und heute Mittag wieder Vollalarm; aber heute war garnichts und gestern traf es anderswo.
Unternommen haben wir außer ein paar Pflichtbesuchen nichts. Die Tage sind kurz, und das viele Schreiben nimmt Kräfte fort. Das Lazarett, das der Schwager Heß leitet, ist von Lahr nach Alpirsbach verlegt worden. Annemarie, die heute bei uns war, freut sich, daß ich den Ort kenne. Auf der Suche nach Photographien von dort (vergeblich) bin ich an die Sammlung der von Dir so wunderschön umrahmten Bilder von unsren Reisen gekommen. Ich habe das sehr genossen, aber es hat mich auch wehmütig gestimmt, daß wir von allem, ja sogar voneinander, räumlich so abgetrennt sind. Von Kassel höre ich wenigstens etwas. Denn Frau Biermann, die mit Lenchen und den Enkeln in Elgershausen ist, schreibt alle 8 Tage in rührender Treue.
Jetzt hätte ich wohl dies und das, was ich Dir schicken möchte. Aber die Post nimmt ja nur bis 100 g an. Also mußt Du Dir "aus Luft <unleserliches Wort> backen." (Ein auch sonst verbreitetes Rezept.) – Das Fehlen aller Nachricht von Öppingers beunruhigt etwas. Meine Cousine in Köln hat das zerstörte Heim mit dem alten Vater verlassen müssen und ist jetzt in Lüdenscheid. Ihr Mann existiert in Köln Tag und Nacht im Keller. – Es ist ziemlich spät, und ich befolge <re. Rand> jetzt gerne das System der kleinen Briefe. Sei also innigst gegrüßt mit immer wieder den gleichen sorgenden Wünschen.
Die Konfusion mit den Nährmittelkarten, die du an Sus. geschickt hast, hast Du hoffentlich nicht <li. Rand> übel genommen. Verwerte aber solche Marken lieber zur Anlage eines kleinen, ev. im Wald zu vergrabenden Vorrats. Innigst Dein Eduard