Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Januar 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20.I.45.

Nr. 4.
Erhalten Brief v. 14.I. am 19.I. (= Nr. 2.)
Eingeschriebene Send. 17.I. am 19.I.
Mein innig Geliebtes!
Es ist Sonnabend Nachm. Ich habe 2 Stunden Vorlesung + Sprechstunde hinter mir und bin so müde, daß ich nicht ausgehen mag, zumal es sehr glatt ist. Ich habe heute den Gorgias behandelt, eine große Aufgabe, und ich bin so weit gekommen, wie ich wollte; die Zeit ist ja unsagbar knapp. Auf 2 Stunden Vorlesung kommen mindestens 15 Stunden Vorbereitung; aber sie interessiert mich. Vor allem genieße ich immer neu den unvergänglichen Glanz der herrlichen Platowerke. Es muß doch wohl auch andern so gehen. Denn jeden Sonnabend wurde bisher die Phalanx derer, die am Rand und am Eingang des Hörsaals (200 Plätze) stehen, größer. So lohnt sich die Mühe. Dabei denke ich an die naive Platolektüre in Freudenstadt.
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Aus den Bemerkungen am Kopf dieses Schreibens siehst du, daß der Kalender in 2 Tagen hier angelangt ist. Er erfreut mich durch seine künstlerische Vollendung und bewegt mich durch das gewählte Wort, das ein gutes Geleit für ein apokalyptisches Jahr ist. Immer, wenn ich auf den Kalender blicken werde, werde ich an den Sinn dieses Wortes denken und an die Gnade, die Gott mir in Dir geschenkt hat. So betrifft mein Dank nicht nur die aktuelle Gabe.
Nachrichtenteil: Sabine hat vor 3 Tagen ein Töchterchen Christiane zur Welt gebracht, Gottlob scheint Postdam wirklich zu den verschonten Städten zu gehören. Zwischen den Potsdamer Schwestern klappt es nicht immer – auch da zeigt sich, daß ein Flüchtlingsleben schwer ist. Günther Heß steht nun im Osten wieder im Kampf. Vater und Schwester haben es in Alpirsbach gut, obwohl der Raum für das Lazarett zu bewegt ist. – Rudolf Litt ist nach Leipzig gebracht worden.
Der Rigaer Pfarrer, der bei uns
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| zwangseinquartiert ist, – ein rücksichtsvoller Mann – ist heute eiligst nach Posen gefahren, um seine 7köpfige Familile in Sicherheit zu bringen. Gestern fragte er, ob sie übergangsweise bei uns unterkommen könnte. Für den Notfall habe ich es zugesagt; aber es scheint (erfreulicherweise) als ob er schon eine Zuflucht für sie hätte. Das ganze (russische) Corps ist ja ein Annex der SS. Deutsch hört man in Dahlem selten.
Ida hat gestern ihre Arbeit in der Industrie wieder aufnehmen müssen.
Schon weil man nicht weiß, wie lange etwas derartiges noch möglich ist, beauftrage ich die D. Bank, auf Dein Sparkonto 300 M zu überweisen. Nach dem 1.II. erkundige Dich bitte mal, ob es eingetroffen ist. Auf meine Frage, ob Du mehr brauchst, hast Du nicht geantwortet.
Am Dienstag mußte ich einen Besuch in Pankow machen, wo ich seit B.'s Tode aus begreiflichen Gründen nicht mehr gewesen war. Ich suchte mein Ziel in einer verkehrten Gegend, ging also zunächst von Wollankstr. nach N.-Schönhausen. So kam ich an dem Kirchhof vorbei, konnte allerdings nicht hineingehen, weil ich nicht in die Dunkelheit kommen wollte. Nachher kam ich auch an Schloß
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vorbei. Das steht wohlerhalten, während die hohen Häuser, die sich zum Schloß zu aufschließen, z. T. schwer beschädigt sind. Im Ganzen ist Pankow viel besser davongekommen als der Westen, z. B. Dahlem. Linder soll allerdings zerstört sein.
Wir hatten hier eine Zeitlang Kälte. Gestern war Sturm; das Barometer stand unter horizontal. Entsprechend war es auf militätrischem Gebiet. Alles drängt nun in Richtung auf die Mark. Deinetwegen freue ich mich über die Erwärmung. Es ist mir sehr schlimm,daß Du es so kalt hattest! Gegen die Müdigkeit probiere es bitte einmal mit Vitaminen, zunächst mit Cebion, dann andere. Irgend etwas fehlt wohl an unserer Nahrung. Daß es damit noch schlimmer wird, ist das nächste Gespenst. Sorge ja vor, so weit es irgend geht! Die Heidelberger Studentin habe ich heute getroffen, erzählt von jemand der nach Berlin wollte, 5 Stunden bis Frankfurt brauchte, dort nicht weiter kam und 15 Stunden auf der Rückreise war. So von allenthalben.
Von Öppingers und Leonhardi nichts. Sonst ist m. Neujahrspost ziemlich vollständig.
Daß Du Shakespeare liest – immer eine schwere Lektüre – ist mir sehr nach meinem Sinn. Ich will es auch, muß aber vorher meinen 2-bändigen Roman, den mir Mein.x) [Fuß] x) vielfach krank geborgt hat, beenden: Hermann Grimm, Unüberwindliche Mächte, ein Zeitbild aus der Epoche um 70, z. T. gut, aber doch nicht eigentlich <li. Rand> gut genug. Nun hoffe ich, daß dieser Brief noch durchkommt. Hier wächst eine gewisse Nervosität. Trotzdem soll Kayßler am 17.II. Goethe lesen. (?) Kürzlich waren wir im Kino – "Die Philharmoniker" – ein Film, der anscheinend nicht fertig geworden ist. Mit Wein u. <Kopf> Zigarren werde ich in Februar fertig sein. Innigen Dank für den <re. Rand> Jahresbegleiter, wärmste Wünsche von uns beiden u. viele Grüße   Dein Eduard.
[] Neulich war ein Angriff auf Reutlingen. Dort wird der " Goethe" neu gesetzt.
[re. Rand S. 1] Nr. 3 (Postkarte) meldete 3maligen Angriff am letzten Sonntag. Seitdem nichts. –