Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Februar 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 5. Febr. 45
12 Uhr.

Nr. 9.
Mein innig Geliebtes!
Seit Sonnabend (3.II.) mittags sind wir hier wie abgeschnitten; keine Zeitung, kaum Post, keine direkte Verbindung mit der Innenstadt, keine Möglichkeit, aktiv zu telephonieren. Dabei waren die letzten Nachrichten aus der Welt: die Russen im Oderbruch und ein Friedensangebot der Alliierten.
Wenn ich gesund wäre, würde ich mich heute in die Stadt durchschlagen, um zu sehen, was vom Seminar noch steht. Ich bin aber erst um 11 aufgestanden, nachdem ich 8½ Tage gelegen habe. Die Grippe war nicht schwer, wollte aber nicht weichen. Vorgestern haben wir doch eine nahe wohnende Ärztin kommen lassen. Kurzrock machte keine Anstalten (die U-Bahn hat kaum noch 20 Min.-Verkehr.) Was die Frau Dr. anordnete, hat gut gewirkt. Sie war allerdings
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| der Ansicht, ich müßte noch 8–10 Tage liegen, weil sie das Fieber mit dem Bronchialkatarrh in Zusammenhang brachte; der ist aber chronisch.
Man hört, daß alle großen Bahnhöfe, von Flüchtlingen überschwemmt, gebrannt haben. Bomben ins Zeughaus, Akademie, Opernhaus. Das Schloß soll lange gebrannt haben. In der ganzen Innenstadt muß es furchtbar gewesen sein; wir hier hatten schon genug vom unablässigen Dröhnen der mindestens 1000 Flugzeuge. Bis jetzt ist keine Nachricht von Frl. Dr. Jung da. Dabei kann Verstimmung mitsprechen. Ich habe ihr den gewünschten Urlaub vom 1.–5.II. nach Hannover nicht erteilt, 1) weil ich, als Kranker, meine Assistentin in den Hörsälen brauchte, 2) weil sie immer erst fragt, wenn sie eigenmächtig alles festgelegt und die Fahrkarte gekauft hat. 3) weil sie 1944/5 mehr freie Tage gehabt hat, als ich ihr übhpt. bewilligen kann. Ich
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| verwies sie an den Kurator; der lehnte es ab, wohl schon deshalb, weil man an dem Tage mit einer feindlichen Besetzung der Stadt rechnete. Nun kam stattdessen der ungeheure Angriff – kurz: ich weiß nichts von ihr. Aber dienstlich habe ich richtig gehandelt.
Es ist doch sehr merkwürdig: viele Berliner sind nach Freienwalde geflüchtet, und jetzt ziehen dort oder in Johannesmühle die russischen Panzer herum. Ähnliches gilt wohl von der Nachbarschaft dort.
Ich habe noch die Korrekturen zum Geleitwort von Fichtes "Bestimmung des Menschen" gelesen. Neues anzufangen, habe ich wenig Lust. Ob ich in dieser Woche weiter lesen kann? Der Universität waren schon am 3.II. die Kohlen genommen, und im ungeheizten Seminar habe ich wohl auch meine Grippe hochgezüchtet.
Von Dir ist seit der letzten Bestätigung keine Post gekommen. Außer dem regelmäßigen Sonntagsbrief aus Elgershausen u. außer Leipziger Post kommt
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| von außerhalb fast nichts herein (das große Fernpostamt SW 11 ist auch ruiniert.) Nur vorgestern kam ein ganz veralteter Brief von Anderl Wittings Frau. Letzte Nachricht angeblich vom 20. September (??) "Abmarsch ins <Wort unleserlich>" (??) Seitdem nicht mehr gehört.
Ich habe mit fast feierlichen Genuß Ernst Wiechert, Wälder und Menschen, gelesen. Der könnte mein Freund werden. Eine bis zum Leuchten saubere Natur. Außerdem habe ich eine Jean-Paul-Biogr. ½ gelesen, weil ich von dem nur sehr unzusammenhängende Kenntnisse habe. Er ist nur bruchteilweise mein Typ.
Was wird nun? Wir sind hier ebensosehr gefaßt auf Besatzung mit Beschießung wie ohne Beschießung, jedenfalls aber auf Ernährungsschwierigkeiten. Das Verkehrswesen in der Stadt scheint nach den Ankündigungen bald fast ganz zum Stillstand zu kommen. Zunächst erhalten Berufstätige noch Ausweise. Susanne könnte also garnicht mehr fahren.
Auch diesen Brief schließe ich, wie jetzt jeden, mit der Befürchtung einer großen Pause. Laß es Dir möglichst gut gehen! Ich mache nicht viele Worte. Susanne grüßt auch herzlich. Innigst Dein Eduard.