Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Februar 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 11. Februar 1945.

Nr. 12.
Mein innig Geliebtes!
Noch einmal möchte ich versuchen, Dich brieflich zu erreichen. Ich habe allerdings den Eindruck, daß fast garkeine Post mehr aus Berlin herausgeht. Nachrichten innerhalb der Stadt brauchen oft 5 Tage und mehr. Da schätze ich es als ein besonderes Glück, daß ich am 8.II. noch Dein Schreiben Nr. 7 vom 31.I. erhalten habe; auch die Karte vom 25.I. Die vom 29.I. fehlt. Was ich hier sende, soll auch schon ein Geburtstagsgedenken sein. Denn 14 Tage muß man im günstigen Fall schon rechnen.
Also, auf die Gefahr der Wiederholung: ich habe am 6. Februar von der 9tägigen Grippe wieder aufstehen können und befinde mich heute wieder normal. Die Erkrankung hat mich davor bewahrt, den schwersten Angriff auf Berlin in der Innenstadt mit zu erleben. (3.II.) Wir waren soeben aus wichtigem Grunde in den besonders betroffenen
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| Stadtteilen. Es ist grauenvoll.
Eigentlich wollte ich am 9.II. das Seminar und am 10.II. die Vorlesung wieder aufnehmen. Aber es gibt keinen intakten größeren Hörsaal in der Universität mehr, und die Kohlen hat man ihr weggenommen. Also habe ich (wie die übrigen) alles abbrechen müssen. Das heißt nun diesmal nicht "Ferien"; werde ich je wieder anfangen? Gestern war ich noch einmal in den Räumen; aber es ist vor Zug kaum auszuhalten. Auch kam kaum jemand zum Testieren.
Eine schwerere Arbeit kann man jetzt nicht vornehmen. Ich fülle die Zeit, in der kein Alarm und keine Lichtsperre ist, damit aus, daß ich Erinnerungen "Aus meinen Studienjahren" aufschreibe. Ob sie je in jemandes Hände kommen werden? Zunächst denke ich an Susannes Geburtstag. Aber Du wirst sie vorläufig nicht zu sehen bekommen können.
Heute kam ein Telegramm aus Zwittau im Protektorat, daß Frl. Wingeleit gestorben ist. Ich kann nur in Pietät und Dankbarkeit an sie denken, nicht einmal nachträglich eine Blume schicken.
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Heinrich Scholz, von dessen Auftauchen ich Dir im vorigen Brief berichtet habe, war gestern noch einmal da. Bewegter Abschied. Er versucht heute, nach Georgenthal in Thüringen abzufahren. Du erinnerst Dich, daß wir – wohl um Neujahr 1933? – dort waren!
In der Stadt werden Panzersperren und Barrikaden gebaut. Darüber wird verschieden geurteilt. Vor allem fürchtet man die Nahrungsmittelknappheit.
Die Frau von Adalbert mit den Kindern soll auf einem U-Boot nach Kiel entkommen sein – von Fischhausen bei Pillau aus. Von Anderl Witting fehlt jede Nachricht. Frl. Besser ist noch in Breslau.
Was Du an Hanna Hecht beobachtet hast, findet sich jetzt häufig. Die jungen Leute sehen sich vis-à-vis ... Auch meine Assistentin verliert allmählich die Facon!¹) [Fuß] ¹) ebenso Henning. Ich weiß nicht zu raten, besonders bei Walters pathologischer Veranlagung. Übrigens ist es noch kein Weltuntergang, wenn Geschwister untereinander einmal tätlich werden; schön ist es natürlich nicht.
Jetzt werde ich den Shakespeare nicht lesen können. Noch mehr Tragik in sich aufzunehmen, wäre etwas zu viel. Von dem, was die Realität
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| bietet, schreibt man ja nur wenig. Es genügt, ja es läuft über; ja es ist wie ein zügelloser Wildbach.
Frl. v. Kuhlwein mit ihren Freunden wird wohl genötigt sein, aus Freienwalde in die zerstörte Wilmersdorfer Wohnung zurückzukehren. So geht es vielen. Berlin füllt sich wieder. Aber mit den Verkehrsmitteln wird es immer schlechter. Die meisten U-Bahnstrecken, auch unsere, sind noch entzwei. Die meisten Autobuslinien sind eingegangen. Wir haben nur noch alle 20 Minuten eine Elektrische nach Steglitz. Ich brauche ja auch kaum noch in die Stadt zu fahren. Man wartet ab und stellt sich auf das Äußerste ein.
Sehr viel wäre noch zu sagen, aber Unsagbares. Ich mache auch keinen feierlichen Schluß, sondern grüße Dich nur herzlichst zum 25.II. Auf Wiederschreiben! Aber, solange es übhpt geht, werde ich Karten bevorzugen. Wenn etwas verloren geht, ist es dann eine kleinere Portion. Susanne gedenkt Deiner auch herzlichst. Ich halte mich an Deinen Kalender.
Innigst Dein
Eduard.

[li. Rand] 2 Wäschepackete, ein größerer Teil der Bücher u. einige Mss. sind – an der Oder. Was heißt Vorsicht?