Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 24.II.45.

Nr. 14.
Mein innig Geliebtes!
Alle Sendungen von Nr. 4–10 sind gemäß der beiliegenden Aufstellung hier eingetroffen. Am längsten hat Nr. 4 gebraucht: vom 21.I bis 21.II da ist dann der Inhalt freilich überholt; ich ersah aber mit Betrübnis, daß Du damals einen Stirnhöhlenkatarrh hattest. In Nr. 10 ist das Novum, daß ihr jetzt unter Tieffliegern zu leiden habt; das ist eine besonders störende und aufregende Erscheinung. Meide doch ja die Hauptwege zur Stadt, wenn so etwas droht.
Ruges waren am 3.II. wieder ziemlich nahe: Untergrundbhf. Wittenbergplatz durchgeschlagen. Von Hermann wirst Du schwerlich noch weitere Briefe erhalten; denn die offene Stelle nach Pommern wird immer kleiner. An Anna Weise denke ich mit Teilnahme. Herrnhut ist aber auch schon exponiert!
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Wir haben viel Alarme, gestern z. B., während das Elektrische Licht noch entzogen war. Es fielen in Dahlem mehrere Blindgänger, so ganz nahe bei Meineckes in das Haus unsres Ortsarchitekten und Malers Bartning. Die 2–3 Stunden Lichtsperre, zu bisher nicht angekündigter Zeit, sind mir besonders unangenehm. Wir können höchstens für ½ Stunde Kerzen spendieren, und ich gebe fürs ganze Hause nur eine her; dann sind wir alle in der Küche.
Auf dem beiliegenden Blatt konnte ich nicht fortfahren, weil das Farbband nichts mehr hergab. Ich wollte noch berichten, daß wir durch Zufall bei Frau A. v. Sydow zum 82. Geburtstag kamen; es war eine sehr reizende ¾ Stunde bei der Enkelin Gabrielens. Die Rückfahrt über den Nordring war ein Kampf.
Mit meiner Assistentin Frl. Dr. Jung hat es seit einiger Zeit – wie vorausgesehen – gekriselt. Ich habe mich bemüht, bei den Auseinandersetzungen die Freundschaft nicht zu lä
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|dieren. Aber ich bin bereit, sie nach Hannover freizugeben, wenn der Kurator einwilligt. Einen Assistenten brauche ich derzeit eigentlich nur zum Schuttwegräumen und Fensterverpappen. Frl. J. ist eine sehr eigentümliche Natur, ohne jeden Sinn fürs beamtenmäßige Gebundensein. In der letzten Zeit war sie eher eine Barrikade, als eine Brücke zu den Studentinnen.
Gelesen habe ich viel von Max Weber, jetzt wieder von Pestalozzi, und abends "Ulli der Knecht" in dem von der Tante stammenden Exemplar. Potsdam ist verschont, aber daß das nicht absolut so bleiben muß, sieht man an dem schrecklichen Schicksal von Dresden.
Johannesmühle ist von den Chemikern und Arbeitern verlassen, die Russen sind durchgezogen. 3 Wäschepackete, die wir dort noch hatten, sind von Dr. Haas u. Frau nach Freienwalde zum Buchhändler Thilo gebracht worden. Frl. v. Kuhlwein mit ihren Freunden will dort ausharren. –
Gestern waren wir bei Carl Körner, der vor 2 Tagen wieder ganz in der Nähe eine
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| ganz schwere Schadenstelle gehabt hatte. Adalberts Frau mit den Kindern ist aus Samland, wie berichtet, mit einem Uboot herausgekommen. Von Adalbert selbst so wenig etwas wie von Anderl Witting oder Rutker Heß.
Mein alter Freund Schwanbeck (Hochschuldirektor in Elbing) konnte nach dem Sudetenland entfliehen.
– Mehrere, die ich gekannt, oder die mir nahegestanden haben, sind nicht mehr am Leben. –  –
Die Ernährung wird merklich knapper, schon jetzt. Die relative Inhaltlosigkeit des Tages lastet auch. Denn wofür arbeitet man? Gedruckt wird nichts, und gelehrt .........?
Morgen ist Dein Geburtstag, und ich hatte nicht das Kleinste, Dir zu senden! Du mußt schon ganz aufs Innere sehen, und so werde ich morgen im stillen mir Dir feiern. Im übrigen haben wir uns zu einander ausgesprochen, wie wir zum Letzten stehen. Bloße Theorie ist das nicht mehr. Ich sage es nicht aufs neue, sondern grüße Dich nur mit ganzem Herzen und voll tiefer Dankbarkeit. Susanne hat Dir gestern oder vorgestern geschrieben. Innigst Dein Eduard.

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geschr.erhalten
Brief Nr. 4.21.I. 21.II !
Karte Nr. 5 24.I. 31.I.
Karte Nr. 6.29.I. [unter der Zeile] Stempel. 14.II.
Brief Nr. 7. 31.I. 8.II.
Brief Nr. 8.5.II. 14.II.
Brief Nr. 9.11.II. 21.II.
Brief Nr. 10. 15.II. 22.II.
und Geburtstagsbrief für Susanne.

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<oben erwähnter Schreibmaschinenbrief, die letzten 2 Sätze sind kaum noch lesbar>
Meine [über der Zeile] m Liebe!
Dies ist der erste Brief, den ich mit der Schreibmaschine schreibe. Mein Farbband ist mies, aber nicht nur dies. wir befinden uns hier in einem unangenehmen Zustande des Wartens. Die Alarme haben sehr zugenommen. Heute Nacht sollen in Dahlem einige Blindgänger gefallen sein. eigentlich habe ich nicht Dringendes mehr zu tun. Wir machen gelegentlich einige Besuche. So waren wir neulich in Tegel. Die schlossherrin haben wir nicht getroffen. Aber nicht weit davon wohnt Frau von Sydow. Der zufall wo-.