Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. März 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 15. März 45.
herrlicher, aber gefährlicher Frühlingstag.

Nr. 18. [von fremder Hand] (19.III.)
Mein innig Geliebtes!
Eingetroffen ist zuletzt Nr. 16 vom 5.III. Dazwischen fehlt nichts.
Es wird hier von Tag zu Tag unruhiger. Man muß schreiben, solange es noch geht. Gute Nachrichten treffen hier selten ein: Penck (87 J.) ist in Prag gestorben, Frau Geheimrat Lüders hier; der Nachbar Schirrmeister, Chauffeur von Ley, ist mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Der verdiente Schatzmeister der hiesigen Goethe-Gesellschaft, Dr. Miersch wird am Montag beerdigt. Morgners Haus in Dresden ist zerstört. Kippenbergs Privathaus in Gohlis nun auch. Litts hatten schweren Schaden an der Wohnung. Man kann nicht so viel kondolieren, wie notwendig wäre.
Sehr betrüblich für mich ist auch, daß Meineckes (er und sie) morgen fortgehen, und zwar auf das Schloß bei Würzburg, das durch Wenkes Vermittlung auch uns als Zuflucht angeboten wurde. Er fürchtet sich vor den Russen und will
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| gegebenenfalls der Flucht der 3 Töchter nicht hinderlich sein. Es wird immer einsamer. Morgen findet die Übergabe der Seminargeschäfte an einen begabten jungen Dr. Lieber statt. Frl. Jung geht also auch. Die Universität hat einen neuen Volltreffer bekommen; das Seminar hat dann auch immer neue Schäden. Dr. Lieber ist natürlich physisch sehr schwach. Und doch ist es nicht sicher, daß er nicht sehr bald eingezogen wird. Aber ich wollte die Verantwortung nicht tragen, Frl. Jung zu halten.
Frau. v. Baerenfels hat die Nachricht erhalten, daß ihre in Dresden lebende Mutter im Krankenhaus zu Pirna gestorben ist. [re. Rand] (nach dem Angriff.) Herr v. Keudell (nahe Johannesmühle begütert) ist auf einem Gut bei Lüneburg eingetroffen, um das sich der 82jährige Forstmeister Faber (Freund vom alten Scholz) noch kümmert. Eine frühere nette Studentin kam wie Dorothea mit dem Bündelchen verhetzt hier an. Susanne konnte ihr ein Zimmer verschaffen. Die Ministerien bringen ihre Restbestände hinaus.
Gestern war ein (nicht sehr vertrauenswürdiger) Japaner mit seiner 18jähr. deutschen
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| Frau bei uns. Sie weichen nach Bregenz aus, um das (sehr ungewisse) Schweizer Visum dort abzuwarten. Bei dieser Gelegenheit hörte ich,daß es Japan schlecht geht. Schwere Niederlage auf den Philippinen, Flottenverhältnis 1:10, Luftangriffe auf Tokyo etc.
Remagen ist auch bedenklich. Küstrin soll gefallen sein.
Ich arbeite, um mich abzulenken, und habe die Pestalozzistudie im Rohbau fertig, schreibe sie jetzt selbst ab (100 solche Seiten.) Aber – wenn das Telephon nicht amtlich stillgelegt ist, was sehr häufig der Fall ist) geht es immerzu. Ich quäle mich mit der 3. Dissertation dieses Monats (380 Seiten!)
Wir haben gestern den 25. Abendangriff gehabt – in einer pausenlosen Reihe. (Jeden Tag ist ein anderes Verkehrsmittel betroffen.) Der Bunkeraufenthalt (mindestens 1 Stunde) ist nicht angenehm; man bringt jetzt 4 Hunde mit. Aber es ist gut, solange man hinterher noch nach Hause gehen kann.
Sonntag waren wir in Potsdam. Er sieht überarbeitet aus. Im Hinblick auf die Zukunft sind wir seinetwegen noch mehr in Sorge als um uns selbst, obwohl dann vielleicht keine Unter
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|schiede gemacht werden. (Chef der Regierung.) Wir versuchen die Spuren unsrer Wlassoweinquartierung, die gefährlich ist, zu verwischen. –  –
Unterbrechung! Abschiedsbesuch von Meinecke. Sie war schon am Morgen da. Ich habe ihn bis zu der kleinen Kirche begleitet: "Was uns verbunden hat, bewahren wir durch Not und Tod." –  –  –
Bergengruen ist ein großes Talent. Aber es ist mir interessant, daß Du auch sagst: eigentlich kühl; ich frage mich, ob das eigentlich noch "Poesie" genannt werden darf.
Man muß darauf vertrauen, daß die Russen nicht alle abschlachten können. Sollte es für Hermann gefährlich erschienen sein, hat er vielleicht noch in Stolpmünde mit dem Schiff heraus gekonnt. Aber Deutschland kann doch nicht zentripetal auf Wanderschaft gehen. Da verhungert ja alles.
Auf die Rückfrage wegen der 300 M habe ich noch keine Auskunft erhalten.
Nun Gott befohlen! Wenn man diesen Gruß recht versteht, enthält er alles, was not ist.
Innigst Dein
Eduard.

[Fuß] Zusatz: 16 Uhr: statt Mittagsschlaf 1½ Stunden im Bunker – anscheinend Angriff auf Eberswalde.
[li. Rand] Karte v. Erika: Bernhard hat noch einmal geschrieben. Jetzt fehlt Nachricht.