Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. März 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22. März 1945.

Nr. 20.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe das ziemlich deutliche, traurige Gefühl, daß dies vorläufig der letzte Brief sein wird, der zu Dir durchdringt. Heute wird berichtet, daß "sie" in Kaiserslautern sind, wohin sie übrigens über Rockenhausen gekommen sein müssen. Dorthin hatte Rabel seine Frau mit dem jüngsten Kinde evakuiert. Wenn es nun um LudwigshafenMannheim losgehen sollte, so könnte es nervenschonend sein, für einige Tage nach Oberdielbach zu gehen. Sonst aber keine Sorge, nur Vorsicht! Und gegebenenfalls absolut loyales Verhalten nach jeder Seite hin. In kritischer Zeit ist besonders der Bahnhof, die Bahnstrecke und die Brücke zu meiden. Wir hier stehen eigentlich unter übleren Zeichen. Alles fürchtet die Ausschreitungen der Russen. Jedoch wird Gott dafür sorgen, daß wir uns wiedersehn, wie er dafür gesorgt hat, daß wir im Tiefsten nicht getrennt werden können.
Von Deinen lieben Briefen ist am 16.III. der vom 9.III. Nr. 17 eingetroffen. Die Folge ist
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| lückenlos.
Meine Karte vom 19.III. hat Dir von dem 3. Tagesgroßangriff am 18.III. berichtet (Mein Vater hat noch den 18.III.1848 in Berlin bewußt miterlebt.) Dieser hat Dahlem nicht betroffen. Nachts war es in den letzten 3 Tagen unangenehmer. Wir hörten Bomben – pfeifen; eine ohne Explosion. Sie fiel in den Kirchhof der kleinen Kirche. Leider werden wir neuerdings auch morgens um ½ 4 alarmiert Wir sind also 3 mal am Tage mindestens eine Stunde im Bunker. Die Abendangriffe – immer auf die Minute 20.50 – sind 33 Tage lang ohne Pause gefolgt. In Berlin-Mitte finde ich mich nicht mehr zurecht, weil die bekannten Häusersil[über der Zeile] houetten fehlen.
Ob Meineckes, die am 16. abgereist sind, gut angekommen sind, ist noch nicht bekannt. In ihrer Nähe hier ist diese Nacht wieder etwas gefallen. – Zu den vielen Todesnachrichten, die ich im vorigen Brief erwähnt habe, ist nun als Opfer von Bomben noch der gute Prof. Feld von der Wirtschaftshochschule hinzugekommen (Wirtschaftspädagog.) Er war mir sehr ergeben und ein treuer Freund. Ich schreibe nur noch Kondolenzbriefe.
Frl. Jung hat nach gutem Abschied am 18.III. gestern Berlin verlassen. Damit hat
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| auch eine kleine Phase ihr Ende erreicht. Sie [über der Zeile] Frl. J. hatte sich zuletzt sehr verändert; die Blütezeit war vorüber. Hoffentlich wird der Nachfolger Dr. Lieber nicht gleich eingezogen. Zu tun ist in der Trümmerstätte Seminar nichts; ich habe es – bei seiner gefährlichen Lage – längst aufgegeben.
Wir waren am Montag und Dienstag zu Trauerfeiern im Krematorium Wilmersdorf. Bei der ersten war der Tote (Dr. Miersch) nicht erschienen. Der Sarg hatte nicht überführt werden können. Bei der zweiten, Frau Geheimrat Lüders, schien der Sarg nicht einmal aus Holz. Kaum 25 Leute folgten der einst gefeierten heimlichen Herrscherin der Universität. Die nächsten Verwandten hatten nicht kommen können. Im Anschluß an diese Feier fuhren wir nach Potsdam (wo wir vom Bahnhof aus immer noch einen Fußweg von 25 Min. haben, da keine Elektrische in P. mehr geht.) Hans Honig fährt heute dienstlich mit dem Auto nach Freienwalde und bringt vielleicht die 5 Packete mit, die wir dort noch "zur Sicherung" haben.
3 Dissertationen und 2 mündliche Prüfungen habe ich hinter mir. Mein Pestalozzims. schreibe ich jetzt (als ob nichts sonst wäre) selber ab, lasse es aber gleichzeitig in 3 Schreibmasch.-Exemplaren herstellen. (Jubiläum Januar 1946.)
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Nach bisherigen Nachrichten können Litts ihre Wohnung noch bewohnen. Aber das Gewandhausviertel, also wohl auch Grassistr. 14, soll sonst ganz zerstört sein.
Jeder denkt wohl viel über die Zeit und Zukunft nach. Aber keine Phantasie reicht aus, um sich die nächsten 3 Monate vorzustellen. Sonst rüsteten wir uns um diese Zeit zur Fahrt nach der Reichenau; ich habe Emmy einen Gruß geschickt. Als ein symbolum nahm ich es, daß neulich in der U-Bahn neben mir einer ein illustriertes Heft über die Reichenau las. Annemarie Heß friert in Alpirsbach. Aber die 4, die von der Familie noch übrig sind, sind jetzt dort beisammen. Wollen sich sogar dort ein Behelfsheim bauen! Aber zurück zur Gegenwart: es mußte wohl so kommen. Gegebenenfalls scheinen Stellen zu sein, die für uns sorgen. Innerlich kapituliere ich nicht.
Wir wollen nicht viel Worte machen. Das "Herr wie Du willst" haben wir zur Genüge verstehen lernen. Das aber will er auch, daß wir beide durchhalten durch alles hindurch. Nur noch einmal Dank für den Reichtum, den Du über mein Leben gebreitet hast. Ich möchte wissen, wer von seinem Leben mit mehr Recht als wir sagen dürfte: es war edel und schön; es war aus der Wahrheit! Was aber nicht aus der Wahrheit ist, das ........
Susanne grüßt auch herzlichst. Mit immer gleichen Segenswünschen Dein Eduard.

[li. Rand] Gegebenenfalls wäre "Abwicklungsstelle" hinsichtlich meiner Person für Dich Prof. Wenke, Universität Erlangen.