Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. August 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, Im Gehege 13
den 22. August 45.
Mein innig Geliebtes!
Deine lieben Zeilen vom 4. August sind die erste Nachricht, die ich von Dir erhalten habe – seit dem 12. März. Du kannst Dir denken, wie sehr ich die Verbindung mit Dir entbehrt habe, wie sehr ich in Sorge gewesen bin. Tatsächlich höre ich ja nun, daß es Dir gesundheitlich nicht gut gegangen ist. Ob man Dich genügend gepflegt hat? Ob Du noch Geld hast? – Die Ernährung wird schlecht sein; jedoch anscheinend besser als hier. Und auch sonst seid Ihr Gottlob von manchem Stadium verschont geblieben, das uns hier auf den Gipfel des Grausens gebracht hat. Ich erzähle die Hauptpunkte; es kann ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt sein.
In den Eroberungstagen lagen wir "mitten drin." Trotzdem überstand das Haus auch dies. Die Plünderungen waren bei uns aufregend, aber maßvoll. Natürlich manches
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| liebe Andenken fort. Sehr schlecht erging es leider Susanne, Ida, Frau H. Susanne mußte 8 Tage im Krankenhause liegen und hatte eine lange Rekonvalescenz. Es folgten Wochen der Furcht und der Unsicherheit. Ende Mai ließ ich mich bestimmen, das Rektorat meiner Schule zu übernehmen. Seitdem trage ich eine ungeheure Last. Zu den Büchern komme ich nicht mehr. Sprechstunden, Sitzungen, Akten, schwere Fälle. So geht es nun seit 3 Monaten, – aber es geht nicht vorwärts. Ende Juni, zu m. Geburtstag, hatte auch ich die Ruhr. Die Geschäfte litten darunter. Dann wechselte die Besatzung unsres Berliner Sektors. Die erste Begegnung war die mit Erika Mann. Die günstigen Zeichen hielten aber nicht stand. Unter liebenswürdigen Formen verhängte man über mich dasselbe, wie am 8. September 1944. Es dauerte nur 8 Tage, war z. T. leichter erträglich. Den Grund kennen auch die einflußreichen Amerikaner nicht, die sich für mich sehr tatkräftig bemüht haben.
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| Drei Tage war ich zu Hause. Dann wurde am 5. August unser Haus beschlagnahmt (weil es relativ gut erhalten war.) Wir mußten es innerhalb 24 Stunden verlassen. Damit verlor ich auch mein Rektoratsbüro, und den regelmäßigen Zugang zu m. Büchern. Wir fanden Aufnahme bei der gütigen Witwe des jur. Kollegen Titze (2 Töchter sind im Hause.) In einem kombinierten Wohn- u. Schlafzimmer steht unser Kram. Das Pietätsarbeitszimmer des Verewigten kann ich benützen. Ich bin aber fast den ganzen Tag gegenüber in meinem Amtslokal. Abends bin ich von hoffnungsloser Arbeit völlig erschöpft. Um die Freigabe des Hauses mühen sich ziemlich hohe amerik. Stellen. Bisher erfolglos. Ein Hoffnungsschimmer ist, daß man uns erlaubt, im Keller zu wohnen, und mir, in meinen beiden Bücherräumen zu arbeiten. – So kam der Schicksalsschlag, als wir dachten, das Haus wenigstens sei gerettet.
Susanne bewährt sich in allen Situationen gleich tapfer. Ida behält auch den Mut. Mager sind
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| wir alle. Vor dem Winter (ohne Kohlen) fürchten wir uns. In unsrem jetzigen Zimmer ist ein Fenster ohne alle Scheiben.
Es steht fest, daß die Situation hier und die bei Euch sehr verschieden sind. Wir sitzen auf der Minusseite. Von meiner Schule steht fast nichts. Vom Lehrkörper sind sehr viele nicht erreichbar. Carl R. habe ich den Prof.- titel aberkennen müssen; mit Ludwig komme ich in Verbindung. Um Hermann sind wir wohl gemeinsam in berechtigter Sorge. Den Potsdamern (keine Fahrverbindung) geht es beruflich natürlich schlecht. Von allen anderen der Conradseite fehlt Nachricht. Erst jetzt erfahren wir, daß Mein. in Göttingen ist, Ursula in Heidelberg. Mat. wird Dir nicht viel erzählen können. Er kennt mich nicht; der Reisende sieht nur einiges Äußere.
Wenn doch wenigstens die Post bald wieder in Gang käme! Von der Eisenbahn wagt man noch garnicht zu reden. Ich bitte Dich innigst: halte stand! Wir haben uns ein Wiedersehen versprochen. Es gibt wenig, was die Mühe des Lebens noch lohnt. Das würde es lohnen! Einen Ruf nach H. kannst Du mir wohl nicht verschaffen? Meine Schule steht immer noch sehr wacklig. Meine beiden Hauptwerke sind wieder neu gedruckt. Ob sie aber "herauskommen"? – Meine <li. Rand> Wünsche und Gebete für Dich kann ich dem Blatt nicht aufprägen. Du kennst sie, und wir sind in einem Medium verbunden, an das die Mächte dieser Welt nicht rühren.
<Kopf>
Viel Liebes auch von Susanne. Dein innig getreuer
E.