Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. September 1945 (Berlin/Dahlem)


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Fabeckstr. 13, den 16. September 45.
Meine Liebe!
Vielleicht hast Du den Brief erhalten, den ich dem Bruder M. mitgeben konnte. Es war der erste von mir seit März, als Antwort auf die ersten Zeilen, die von Dir zu mir durchgedrungen sind. Heute scheint sich durch besondere Güte eine neue Gelegenheit zu bieten. Ich wiederhole einiges, falls mein erster Brief nicht angekommen sein sollte.
Ende April war es hier schrecklich. Äußere Verluste maßvoll, darunter jedoch der Dir zugedachte kleine Ring. Susanne traf es jedoch schrecklich [über der Zeile] schlimm; sie war 8 Tage im Krankenhaus und hat sich erst Ende Juni erholt. Dann hatte ich die Ruhr; dann wiederholte sich für mich auf 8 Tage das Schicksal vom 8.IX.44; diesmal von seiten der jetzt neu einmarschierten Macht – ein auch ihren Mitgliedern unbegreiflicher Vorgang, der wohl auf irgendeine mechanische Liste zurückzuführen war. 3 Tage danach – ich hatte notdürftig meine Akten geordnet – wurde das Haus beschlagnahmt und mußte in 24 Stunden verlassen werden. Wir fanden für fast 6 Wochen 1 Zimmer bei der Witwe eines in diesem Jahr verstorbenen jurist. Kollegen; mein Amtslokal liegt diesem Hause unmittelbar gegenüber. Hilfreiche amerikanische Freunde haben erreicht, daß wir – gestern – in die Henningsche Wohnung einziehen durften. Bei Tage kann ich meine Bücher oben benutzen. So das Resultat am Lebensende.
Ende Mai legte der Prorektor seine Ämter nieder und bat mich, sie zu übernehmen. Das war ein schweres Vermächtnis. Anfangs keine Stadtpost, kein Verkehrsmittel. Einladungen zu Besprechungen
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| trug ich selber aus. Langsam aber bekam die schwer betroffene (äußerlich total zerstörte) Institution wieder Form. Natürlich war viel Aufregung und Ärger zu tragen. Zunächst bestand ein gutes Verhältnis zur einheimischen maßgebenden Behörde, dem Bären. Das hat sich inzwischen sehr gewandelt. Am 18.9. wird es sich wohl entscheiden, ob es Sinn hat, daß ich weitermache, oder ob ich zurücktreten muß. Dabei ist zu beachten, daß die Institution in Rußland liegt, meine Wohnung und mein Amtszimmer in Amerika, andere Bestandteile in England. Im stillen blicke ich hinter die Grenze, die uns trennt; es wäre eine Lösung (Erlösung), wenn von dort ein Ruf käme.
Susanne immer gleich tapfer, desgleichen Ida, die treue. Ludwig Ruge habe ich mit großer Freude kennen gelernt; von Carl weiß ich nicht Näheres. Er hat im vorigen Herbst Annäherung nicht gewünscht. Um Hermann muß man leider in begründeter Sorge sein. – In Potsdam ist der Schwager natürlich berufslos. Wir waren 2mal dort, d. h. 2 Stunden Fußmarsch hin und 2 Stunden zurück. Ob Frau Dr. Annemarie Heß noch im Klosterlazarett in Alpirsbach ist, wissen wir nicht. Wenn Du kannst, schreibe doch einmal dorthin. – Kiehms und Litts leben. In Berlin hat der April viel Todesopfer gekostet.
Die Frage wie es Dir geht, beschäftigt mich Tag für Tag. Und ich bitte Dich immer, alles zu tun, um Dich gesund zu erhalten. Geschwollene Füße deuten ebenso auf Ruhr wie auf Unterernährung. Wir sind es unsrem Lebenssinn schuldig, daß wir uns noch einmal wiedersehn. Aber dieser Winter ist die große Gefahr. Unsre Kellerexistenz hat vielleicht das Gute, daß wir – im Gegensatz zu fast allen sonst – an fremder Heizung partizipieren dürfen. – Innerlich steht mir alles ganz fest; äußerlich bin ich oft so weit, daß ich die armen Werkzeuge meines Wirkens aus der Hand legen möchte. Wir grüßen Dich innig
<li. Rand>
Der Schluß ist ohne Worte. In zeitloser Treue Dein Eduard.