Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. September 1945 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Den 27. September 45.

Nr. 3
Meine treue Freundin!
Heute erhielt ich durch den freundlichen und persönlich besonders willkommenen Boten Deine lieben Blätter vom 27. August und 10. September. Es war mir leider schon durch die Nachrichten, die M. brachte – ich habe ihm einen Brief mitgegeben – bekannt, daß Deine Gesundheit zu wünschen übrig gelassen hat, und das erfüllt mich natürlich mit Sorge und Betrübnis. Leider genießen wir nicht mehr die Kraftfülle, mit der wir im Schwarzwald unsre Touren machten. Du vermeidest hoffentlich längere Fußwege und legst Dich öfter einmal bei Tage hin. Die Ernährung reicht nicht für die normalen Leistungen aus; auch ich schlafe eine Stunde mehr als sonst. Trotzdem spüre ich die Anstrengung der weiten Wege, die man sonst in einem Gefährt zurücklegte. Geschwollene Füße hängen auch mit der Ruhr zusammen. Dagegen soll Knöterich-Tee in kurzer Zeit wirksam sein. Es sieht aber nach Deiner Schilderung leider so aus, als ob das Herz als solches Ursache war. Der Schluck Alkohol ist da durchaus zu empfehlen. Und was sonst helfen kann, verschaffe Dir doch ja! Hast Du genug Geld? Und vor allem Heizungsaussicht? Jetzt beginnt hier schon die herbstliche Kälte – besonders im Keller, wo wir wohnen.
Neulich konnte ich Dir durch einen fliegenden Generaldirektor aus Deiner Nachbarschaft einen Brief (Nr. 2)
[2]
| senden. Ob er angekommen ist? Ich wiederhole – zum 3. Mal – in Stichworten das Wichtigste.
Zunächst Susanne durch Ansteckung eines grauenvollen Tages erkrankt; langsam geheilt. Während sie im Krankenhaus, entschloß ich mich, das Rektorat zu übernehmen, nicht auf Grund von Wahl, sondern initiativ, was aber jetzt durch Praxis anerkannt ist. Unsagbare Mühe – ohne Post, Eisenbahn, U-Bahn etc. Zum Geburtstag bekam ich die Ruhr – 8 Tage. Ende Juli Wiederholung der Moabiter Existenz in Wannsee bei den Amerikanern, gleichfalls 8 Tage. Grund bis heute unbekannt. 3 Tage nach der Heimkehr Beschlagnahme des Hauses. Kampf darum, halb erfolgreich, insofern Kellerwohnung (Henning) [re. Rand] nach 6 Wochen im Exil freigegeben. Nur dadurch Aussicht auf Teilhabe an Heizung; also von dieser Seite vorteilhaft. – Die Hauptaufgabe stand in der vorigen Woche fast hoffnungslos, seit 4 Tagen ein wenig besser, im Zusammenhang mit Gerüchten und Hoffnungen, die vielleicht zu kühn sind. Ich bin nur ein Gerippe; alle Kraft geht in die Hauptaufgabe. Natürlich sehe ich unendlich viel Menschen; nicht uninteressant, nur selten wohltuend.
Mein Vetter Imhülsen ist vor 5 Tagen an Unterernährung gestorben. Von den Deinen weiß ich leider nichts; Carl lebt, und wenn es Deiner Schwester nicht gut ginge, hätte ich es wohl gehört. Unser Neffe [über der Zeile] (der letzte) Günther in Freudenstadt. Aufenthalt seiner Eltern unbekannt. Honig [über der Zeile] (russ.) ist verhaftet und zunächst verschwunden. Große Sorge. – Was wir verlagert hatten, ist alles verloren, auch am Leibe und im Hause viel "entnommen;" das alles läßt sich verschmerzen. Nicht so die vielen Todesfälle im Kreise. Aber Meinecke lebt und schafft in Göttingen. Hans Günther <re. Rand> tauchte kurz auf mit Grüßen von Wenke. Und zu den russischen Universitäten, also auch Litt, habe ich ja Verbindung. Jaspers’ Rede z. T. in der Zeitung.
Ich konnte nur wenig sagen. Und zum Schluß versagt das Wort erst recht. "Die Liebe höret nimmer auf", sie kennt auch keine Trennung.
<Kopf>
Die innigsten Wünsche und treueste Grüße von Susanne, Ida und
Deinen Eduard.   AEI

[li. Rand] Behandelt Dich Frau Dr. Clauß?