Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. November 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 7. November 45.
Meine einzige Freundin!
Die Postschranken sind gefallen. Aber mit der Bestellung der Briefe wird es noch langsam und unsicher sein. Kurze Briefe sind daher besser; von mir sind lange und wichtige Schreiben nicht angekommen. Was Du von mir erhalten hast, ist mir nicht bekannt. Deshalb wiederhole ich das Allerwichtigste, wobei Begründungen und Situationsschilderungen unterbleiben müssen. Das zusätzliche Amt ist mir seit 3½ Wochen abgenommen. Schon 8 Tage später erhielt ich von Flitner einen sehr lieben Brief, und ich habe soeben 2 belangvolle Schreiben nach Hamburg gesandt, eines an den Senator Landahl, den ich 1918/19 in ebenfalls kritischer Zeit in Leipzig als Studenten kennen gelernt habe.
Wir haben von einer nahen Trümmerstelle 150 Ziegel und 7 Eimer Lehm geholt. Soeben wird daraus der Behelfsofen im früher Henningschen Wohnzimmer fertig. Während der 2 Tage, die der Bau dauerte, war der Raum der äußeren Existenz nun wirklich allzu eng geworden. Entsprechend
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| liegt meine Arbeitskraft darnieder. Aber wir werden nun anfangen können zu heizen. Bis heute mußte es ohne Ofen gehen, zuletzt bei 6°R. draußen.
Hans Honig ist noch nicht zurückgekehrt. Aus Alpirsbach kam die erste Nachricht, auch aus Baden-Baden, von Meinecke (Göttingen) und von Frl. Dr. Jung (Hannover). Es ist undenkbar, alle diese erfreulichen Berichte annähernd gleich ausführlich zu beantworten. Die Kräfte sind doch sehr schwach geworden. Enttäuschungen zehren. – Einige haben begriffen, andre noch nicht.
Vielleicht kommt Litt per Auto in den nächsten Tagen. Ich lese ein Buch "Vom Gewissen", – von Gaß (wohl Vater der alten Dame?)
Wenn man doch nur einmal in voller Klarheit den Faden wieder anknüpfen könnte. Aber vorläufig hat sich in meiner "verschlossenen" Haltung nichts ändern können. "Im Gegenteil."
Mein voriger Brief ging wieder durch eine von Matussek geschaffene Gelegenheit. Er war wichtig.
Von sehr vielen Leuten höre ich, daß sie an geschwollenen Beinen leiden. Folge einseitiger Ernährung? Manchen hilft Knöterich-Tee sofort.
2 kl. Aufsätze habe ich geschrieben. Du weißt, man braucht hier Geld, weil die Konten gesperrt sind. – Nun werde ich wieder regelmäßig schreiben, <li. Rand> und Du versprichst mir noch einmal, Dich zu konservieren mit allen nur erdenklichen Mitteln. "Es muß doch Frühling werden", – und dann vielleicht einmal von <re. Rand> Hamburg aus, wenn beides glückt. Innigste Grüße von uns beiden.
Dein getreuester Eduard.