Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 12.XI.45.

Kurzbrief Nr. 2.
erhalten Dein Nr. 2 vom 28.X. am 9.XI
nicht erhalten Nr. 1.
ich geschrieben am 9.XI
Meine einzige Freundin!
Vor ein paar Tagen war eine Frau verw. Kammergerichtsrat Fritze aus Dahlem, am Gehege 14, bei mir. Sie war vor 8 Tagen auf schwierigste Art von Stolp*) [li. Rand] *) da zur Festung [über der Zeile] !! erklärt, total verbrannt gekommen. Dort hatte sie mit Genuß Hermanns literarische Vorträge gehört. Von seinem weiteren Schicksal – Gottlob wissen wir es ja – hatte sie keine Kenntnis. Diese Fritzes haben früher in Cassel gelebt. Sie sprach mit Verehrung und Wärme von Onkel Hermann. Wie weit greift das zurück!
Der "fliegende Brief" von Frl. Dr. Dorer und Deiner sind hier nicht angekommen. Ich ahne daher nicht, um welches Projekt es sich handelt. Gestern aber hatte ich Besuch aus Hamburg. Die Notwendigkeit wird leider immer deutlicher. Aber ich bin z. Z. nicht aktiv; es ist ein bißchen viel, was sich so nacheinander jagt.
Also die Nieren sind es! Eine jüngere Frau v. Rottenburg hier fand ich neulich leidend und
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| liegend: geschwollene Füße, Ursache in Störungen der Nebenniere. Vielleicht Verwandtes bei Dir? Versuche Knöterich-Tee. Frage ja erfahrene Mediziner!
Den Schreck bei der drohenden Beschlagnahme kann ich mir denken. Wie konnte nur das so schädliche Versehen passieren!
Es wäre jetzt möglich, endlich einmal etwas Eindeutiges über meine 10 Wochen Gefängnis, die übermorgen vor 2 Jahren endeten, zu schreiben. Aber es sind schon soviel neue Nöte, daß man zu Rückblicken kaum gestimmt ist. Auch weiß man nicht, ob ankommt, woran man stundenlang geschrieben hat. Vielleicht tue ich es bald mal. Vorläufig komme ich mit der Korrespondenz schwer durch, da durch das geöffnete Tor zahlreiche Briefe mit vielen Anfragen strömen.
Unser neuer Ziegelsteinofen heizt gut; aber die erste Wirkung war eine ungeheure Feuchtigkeit. Meine beiden Betreuerinnen sind unübertrefflich, unermüdlich, stets geduldig. Muß sehr dankbar sein.
Im nahen Walde bei Dir gibt es wohl kein Holz mehr? Aber wenn wenigstens die Küche warm wird! Viele haben nicht einmal das.
Patensöhne Löwenthal und Wallner wohlbehalten. Erstere gefangen, letzter als angesehener junger Künstler in Garmisch tätig. Famoser Junge! Vater berufslos.
<li. Rand> Rutker Heß und Adalbert Körner bleiben verschollen. Scheibes sind noch nicht wieder in Dahlem. Mutter Honig (90 Jahre) mit Tochter (69 Jahre) kamen neulich flüchtend hier durch und sind nach Halle weiter transportiert worden. Was für Schicksale auch für die Alten!
<re. Rand> Ich breche ab, wie stets in innerster Nähe zu Dir. Susanne und Ida grüßen herzlich. Rauhuts sind aus 3. Wohnung vertrieben, aber wohlauf. Dein getreuer Eduard
[Kopf] Die arme Reichenau! Zu Zollinger kann ich keine Verbindung bekommen!
[re. Rand S. 1] Vor wenigen Tagen kam ein Brief von Dir vom 12. Juli. Hintendrauf: Hoffmann, Köln-Marienburg, Stempel: Mühlhausen/Thür.