Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. November 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 25. November 45.

Nr. 3.
Meine einzige Freundin!
Wenn man nur wüßte, ob die Briefe, die man schreibt, auch nur teilweise ankommen! Ich bin immer ungewiß, was man als bekannt voraussetzen darf, was nicht. Der neueste Brief von Dir ist auch schon ziemlich lang her; wollte ich das Datum feststellen, so müßte ich 2 Treppen hinauf und im eiskalten Zimmer suchen. Stattdessen will ich lieber kurz schreiben, in der Hoffnung, daß gelegentlich einmal etwas ankommt. Den "fliegenden Brief" von Frl. Dr. Dorer habe ich nicht erhalten; gerade er hätte mich interessiert. Und ebenso wäre mir wichtig, ob Du Ende September (?) den Brief von mir bekommen hast, den der Generaldirektor Schmidt, der ehemals auch über Johannesmühle geherrscht hat, freundlich im Flugzeug nach seinem Wohnort Heidelberg mitgenommen hat.
Falls nichts verloren gegangen ist, wäre nicht viel Neues zu berichten. Die Zimmer oben stehen noch leer und sind z. Z. nicht einmal heizbar, weil erst die ZH. repariert werden müßte. Unser Ofen bewährt sich (regelmäßig 12°R). Die Schlafzimmer sind ganz kalt. Ich habe neuerdings nachts eiskalte Füße. Das hat aber nicht mit der Temperatur allein zu tun, sondern ist wohl Folge einseitiger (sehr fettarmer) Ernährung. Bei Dir leider zeigt es sich anders, ist aber auch wahrscheinlich Unterernährung. Das macht mir viel Sorge. Außer dem Knöterichtee soll gegen geschwollene Füße nur ein paar Tage Bettruhe helfen.
Die Universität ist zu dem angekündigten Termin nicht eröffnet worden. Der mir folgende hat also auch noch nichts erreicht; im Gegenteil; die Studentenschaft organisiert sich jetzt nach Parteien – ein unerwünschter Vorgang. Die innere Wunde bei mir ist noch nicht geheilt. Aber ich arbeite wieder, so gut es die herabgesetzten Kräfte und der enge Raum samt allen anderen technischen Schwierigkeiten jetzt gestatten. Durchschnittlich 6–7 Stunden
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| am Tage. Am 20.XI. habe ich in der Wohnung (!) eines befreundeten Steglitzer Pfarrers über das Thema "Gibt es eine religiöse Entwicklung?" gesprochen. Es waren mindestens 150 (!) erschienen, darunter Margarete Hilgenfeld und der Lehrer Müller, in dessen Steglitzer Kreis ich 1909 meine ersten öffentlichen Vorträge gehalten habe. (u. a. "Beethoven u. die Musik a. W.") Am 27.XI. folgt ein 2. Vortrag "Religionsunterricht oder religiöse Anregung", an dem ich heute schon 9 Seiten geschrieben habe, was Du wohl meiner Handschrift ansiehst.
Hans Honig ist noch immer verhaftet, neuerdings auch Henning, der "politische Leiter." Mit Bezug auf Hamburg hat sich nichts ereignet, auch nichts von Belang bei der T.H. Jedoch ist Nicolai Hartmann nach Göttingen gegangen. – In dieser Woche erwarten wir Litt.
Briefliche Verbindungen sind wiederhergestellt mit Frau Biermann (Elgershausen), Bernhard Schwarz (als Krüppel in Augsburg), Generalmusikdirektor Beck und Frl. Jung (beide Hannover). [re. Rand] W. v. Molo. Delekat Frl. Geppert lebt auch. Desgleichen Klaus Wallner (schon erwähnt) und Klaus Morgner, Ulrich Löwenthal. Gestorben sind Feld (Handelshochschule, schon durch Bombe) Tigges (Wuppertal) Fritz Imhülsen (schon berichtet. Direkte Nachricht fehlt von Wenke; ich fürchte, daß er krank ist. Aus Heidelberg schreibt Elfriede Haberkorn, Dantestr.
Wir waren nach 8 Monaten Pause auf dem Kirchhof bei meinen Eltern. Die Gräber sind in Ordnung.
Susanne hat mit Besorgungen, Karten, Besuchen in Potsdam, Sonderbeschaffungen ungeheuer zu tun, obwohl die amerikan. Housekeeper Ida die eine Hälfte trägt. Die vielen Besuche, die hier kommen wollen, müssen etwas zurückgehalten werden. Kurz, es ist erstaunlich viel zu tun, gerade wegen der kleinen Wohnung. Im Großen geht wenig voran. Alle wollen froh sein, wenn sie den Winter hinter sich bringen; mir ist schon immer wohler, wenn der 21.XII. erreicht ist. Weihnachten wird dies Jahr noch düsterer als in den letzten Jahren sein. Vielleicht kommen die alten Freundinnen Rauhut.
Das Blatt ist voll geschrieben, Ich bin etwas müde, überhaupt <li. Rand> nun ziemlich gealtert. Zum Schluß, wie immer, das Unausgesprochene, das Du in seiner zeitlosen Identität fühlst. Susanne grüßt herzlich. Dein Eduard