Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Dezember 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. Dezember 45.

Nr. 4.
(Nr. 3 abgesandt am 25.XI.)
erhalten nichts Neues.
Meine einzige Freundin!
Fortsetzung nach dem Prinzip der kurzen Briefe. Ich hatte hier neulich in sachlicher Angelegenheit den Besuch eines Frl. Dr. Lotter. Ihr süddeutscher Dialekt veranlaßte mich, nach ihrer Heimat zu fragen. Nach einigen Umwegen kam heraus, daß sie eine Tochter des vor kurzem verstorbenen Malers Lotter von der Reichenau ist. Beiderseits lebhafte Freude. Wie oft sind wir an dem Hause nicht fern vom Löchnerhaus vorübergegangen. Die Insel soll wieder normalen Verkehr haben. Über Flesch äußerte sie sich nicht günstig. Zum Schluß hinterließ sie einen Reichenauapfel.
Neu aufgetaucht ist ein Oberleutnant Schwärzler aus der Gegend von Staufen (Allgäu), bei dessen Hochzeit vor 1 ¾ Jahren ich Trauzeuge war. Ich hatte ihn wegen seiner gefährdeten Dienststelle (Gardeschützenkaserne) schon aufgegeben. Und eine noch größere Freude: Anderl Witting lebt, gefangen in Frankreich. Felicitas, deren Pension jetzt Hilfskrankenhaus ist, schrieb einen lieben Brief im alten Ton. Hans ist verhaftet. Gleichzeitig kamen erste Nachrichten von Frau Petersen
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| und von Molo. Lotte Geppert lebt auch (ohne bisher geschrieben zu haben.) Heute meldete sich Willy Böhm brieflich. Daß Knauer neulich bestattet wurde, habe ich wohl schon geschrieben.
Ich habe – wieder vor 150 Leuten –, beim Pfarrer Jahn den 2. Vortrag gehalten: "Religionsunterricht oder Anregung des religiösen Lebens?" Viel Mühe, vielleicht zu viel. Litt ist bisher leider ausgeblieben. Zeitweise kam viel Besuch, was ja eigentlich nicht sein soll. Gestern waren es 7, und ich wurde aus einem recht fruchtbaren Gedankengang immer wieder herausgerissen. Er kreist überwiegend um Religionsphilosophisches.
Heute hörte ich, daß die Philos. Fakultät bei Euch auch noch nicht eröffnet ist. Anscheinend nur in Göttingen, das aber mit Hochblüte. Auf die durch Hans Heyse frei gewordene Stelle ist Nicolai H. gegangen. Es gibt überhaupt im akademischen Leben jetzt ein gewisses "Gefälle."
Wenn dies nur nicht schon der Weihnachtsbrief für Dich ist! Die Briefe kommen langsam und spärlich. Ich wüßte so gern, wie es Dir geht. Auch hinsichtlich der Ernährung, Heizung etc. Wie steht es mit Otto Kohler? Hat sich Matussek wieder gezeigt? Drechsler? Dies ist ein infames Papier. Alles ist immer das letzte vom Vorrat.
Sei mit 1000 Wünschen innigst gegrüßt! Dein Eduard
natürlich auch von Susanne.

[li. Rand] Ganz intim und privat beginne ich heute Lektüre der Kr. d. r. V. mit 4 jungen Leuten.