Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Dezember 1945 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 12.12.45.

Nr. 5.
(Nr. 4 am 1.XII.)
erhalten: vom 25.XI.
tags darauf Durchschlag betr. Jugenheim.
Meine einzige Freundin!
Diesen Brief wünschte ich sehr, daß er zum 24.XII. in Deine Hand gelangte. Wir sind jetzt so arm geworden, daß ich Dir nichts sonst zu Weihnachten schicken kann. Es gibt nichts zu kaufen, und nichts, was sinnvoll wäre. Vielleicht darf ich fortfahren; "Es bleibt genug": es bleiben Worte der Liebe.
Mit Beunruhigung höre ich von den geringen Temperaturen in Deiner Wohnung. Wenn Du mit den Nieren zu tun hast, kommt es ja gerade auf Warmhaltung an. Du mußt Dich dann wenigstens durch Kleidungsstücke ein wenig schützen. Besteht keine Aussicht, daß Du etwas mehr heizen kannst? Laß es ja nicht an den Kosten scheitern. Es müssen ja auch wieder Überweisungsmöglichkeiten kommen, so daß ich Dir die Mehrausgaben ein
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|mal ersetzen kann. – Wir hatten hier einen sehr scharfen Kälteeinbruch bis zu -8°. – Trotz der Vorsichtsmaßnahmen fror in dem ungeheizten Hause sofort die Wasserleitung ein. Da die Zentralheizung entzwei ist, kann die housekeeper (Ida) der amerikanischen Weisung, in solchem Fall zu heizen, nicht nachkommen. An etwas wärmeren Tagen erzielen wir in dem Wohnzimmerchen etwa 12°R. Aber auch das reicht für mich kaum, da ich abnorm wenig Blut habe.
Ich weiß nun endlich, welchen Plan die gute Maria Dorer in Szene gesetzt hat. Vor wenigen Tagen kam auch eine kurze direkte Anfrage. Der Ort hätte ja sehr viel verlockendes für sich. Aber der Hauptgrund, weshalb es nicht geht, ist der, daß ich der praktischen Aufgabe ja garnicht gewachsen wäre und daß ich das System (Kursus von 1 Jahr) mißbillige. Andererseits ist hier des Bleibens nicht; das wird immer eindeutiger. Die Sache mit H. ist aber auch nicht weitergekommen. Ich soll dort am 12.I. zum Pestalozzijubiläum in sehr großem Rahmen die Festrede halten, womit dann Möglichkeiten
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| zur Besprechung gegeben wären. Aber wie komme ich hin? und zurück? Nicolai Hartmann hat neulich nach Göttingen 6 Tage gebraucht; mir übrigens von dort die Anfrage übermittelt, ob ich auch kommen wollte. Aber H. hat nun die Vorhand. Mit dem Klima hast Du recht. Denkst Du noch an Göttingen 1917 oder wann war es? Dort sind jetzt die 3 cks Planck, Oncken, Meinecke.
Mir geht allmählich der letzte Rest von frischem Existenzgefühl unter den niederdrückenden Gesamtverhältnissen verloren. Ich arbeite zwar (religionsphilosophisch) und erledige allerhand Tagespflichten. Damit ist sogar sehr viel zu tun. Aber ich sehe, daß ich die große Enttäuschung nicht überwinden kann, und das wirkt auf mein Befinden zurück: es ist Spätherbst geworden.
Möglicherweise zieht oben die Redaktion einer von den A.n licensierten deutschen Ulenspiegelzeitschrift (Ersatz für Simplicissimus!) ein. Das wäre ja ganz sinnvoll; Ulk oben, Philosophie im Keller. Jedenfalls
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| wird das Haus jetzt von der beschlagnehmenden Behörde repariert. Ich fühle mich oben (bei 0°) ebenso fremd und heimatlos wie im Lande.
Hans Honig wird immer noch zurückgehalten, obwohl bestätigt wird, daß nichts geben ihn vorliegt. Nach Potsdam zu kommen, ist wieder sehr schwer. Die Eisenbahn geht nur bis Wannsee (benützt man einen der seltenen Züge weiter, wird man ausgeplündert). Die Dampfer können bei Frost nicht verkehren. Wenn wir am 25.XII. hin wollen, müssen wir hin und zurück je 2 Stunden marschieren. Potsdam ist doch der einzige nähere Verkehr, der uns noch geblieben ist. Viele gute Bekannte, keinen Freund am Orte! Der mehrfach erwartete Litt ist bisher auch ausgeblieben. Für den 24.XII. werden wir vielleicht die Schwestern Rauhut einladen. Hennings sind ja ausquartiert (er war einige Zeit verhaftet), und das Verhältnis war längst kühl geworden. Hedwig Koch gehört auch zum nächsten Kreise.
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Die religiösen Reflexionen kommen natürlich aus dem eigensten Bedürfnis. Es gibt vieles, womit man nicht fertig wird. Bei mir ist es vor allem das Erlebnis der Zeitlichkeit. Das Niewiederkehren, das Unwiederbringlich, lastet am schwersten auf mir. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir die Reichenau, den Schwarzwald und all die lieben Orte nicht zusammen wiedersehen sollen. Und ich bin naiv-fromm genug, zu glauben, dies alles sei nur seliges Symbol für etwas, das sich in einer anderen Existenzform noch reiner und schöner erfüllt. Du empfindest vielleicht etwas anders, mehr mit Goethe: "ein Augenblick ist Selig[über der Zeile] Ewigkeit", und die einmal gespürte Seligkeit könne uns in der Folge nichts rauben. Aber das sind ja nur verschiedene Sinnbilder für den gleichen Gehalt, in dem wir einig sind. Bei mir geht es so weit: Wenn ich an der unermeßliche Heer der Toten, mit denen mich s. Z. das Leben in Berührung gebracht hat, denke, wenn ich mir auch nur von einem ganz gleichgiltigen Menschen denke, er sei völlig ausge
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|löscht, vom Winde verweht, so ertrage ich diesen Gedanken nicht und muß mich sofort nach außen hin ablenken. Natürlich war es in Moabit und in Wannsee ganz besonders so. Aber auch wenn ich beim Mittagsschlaf auf solche Gedanken stoße, muß ich aufspringen, weil ich die Gefahr der Verzweiflung vor mir sehe. Ich erinnere mich, daß es mir 1934 im Hôtel Schertz in Freienwalde – ach Freienwalde, jetzt nur noch Ort leidender Menschen! – einmal so ging. Draußen spielte ein Blinder auf einem Glockenspiel das kitschige Lied: "Alle Tag' ist kein Sonntag"; ich mußte daran denken, daß ein Jahr vorher Dora Thümmel elend gestorben war. Da fühlte ich meine eigene Vernichtung nahe und lief fort in den Wald.
Über all das kann man religiös reflektieren. Du siehst aber auch daraus, daß Du die Verpflichtung hast, so lange wie Gott es möglich macht, bei mir zu bleiben. Denn es ist nun einmal so: mein Leben ist so sehr in Deines verflochten, daß die Feder springen würde, wenn ich einmal allein funktionieren müßte.
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| Sage ruhig: "wie töricht!" Denn ich kann ja nicht einmal wissen, ob ich morgen noch auf dieser Erde sein werde.
Aber in dies Irdische kehre ich nun zurück. Langsam melden sich die alten Gefährten wieder.: Heute z. B. ein Brief von den Geschwistern Lang (Kreuznach), vorher L. Geppert, Elsbeth Knoche, Tacke der Maler, Nieschling, v. Molo, Frau Petersen, [über der Zeile] Pappenheims, W. Böhm u. a. Nur Wenke schweigt. Das Knauer gestorben ist, schrieb ich wohl schon; seitdem noch Diels, Direktor des Botan. Gartens. – Erna Ewert, Schülerin bei Knauer (1907), sah ich neulich als Großmutter wieder. An ihrem noch gleich lebhaften Augen erkannte ich sie. – Copei und Oelrich (Tennenbronn), 2 besonders teure Schüler, bleiben vermißt. Ihren ehemal. Vorgesetzten v. Voß werden wir demnächst wieder besuchen. Wo ist Dr. Drechsler? Heinrich Scholz soll wieder in Münster sein.
Du kannst Dir vorstellen, wie viele Briefe ich als Antwort auf die erfreulichen Rückmeldungen zu
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| schreiben habe. Auch dieser muß einmal ein Ende nehmen.
Unsere Herzen werden sich am 24.XII. suchen und finden. Das wird Ersatz für Weihnachtsbaum und Lichter sein: das Licht der Liebe, das in uns leuchtet. Möge Dein Befinden möglichst günstig sein und gute, hilfreiche Freunde Dir nahe! War nicht Matussek mal wieder bei Dir? Er hat neulich auch geschrieben. Noch eines: bei Glatteis auf Deiner abschüssigen Straße recht vorsichtig sein! Immer mit Stock ausgehn! Ach – ich möchte jeden Deiner Schritte beaufsichtigen und schützen können.
Susanne und Ida grüßen herzlichst.
Ich bin in treueste Liebe
Dein Eduard.

[li. Rand] Vorgestern brachte eine Amerikanerin Grüße von Dessoirs, die – in Königstein leben.