Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Januar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Januar 1945.

No. 1.
<von fremder Hand> [] erh. 11.I.
Mein geliebtes Herz
Nun ist es wieder Abend, ehe ich in Ruhe am Schreibtisch sitze, um endlich einmal wieder an Dich zu schreiben. Warum so spät? Ich wüßte es kaum zu sagen – doch ich will den Tag beschreiben: Erwachen um 6 Uhr , schon länger im Halbschlaf von drohendem Hexenschuß beunruhigt! Aufstehen, Kaffee kochen, frühstücken und Aspirin nehmen. Wieder ins Bett bis nach neun Uhr, meist schlafend, und ohne Schmerzen wieder aufgestanden. Es war wohl nur eine gewisse Übermüdung, denn ich hatte tags zuvor das schwere Wäschebündel nach Ziegelhausen zur Waschfrau gebracht, in der Elekrischen eingequetscht, 20 Min. zu Fuß, und zurück nur bis in die Rohrbacherstraße gefahren, dann bei Vollalarm zu Fuß nach Hause, etwa ½ 7 Uhr erst daheim. – Heute nun war der Vormittag kurz, mit Kochen und und gegen 12 Uhr wieder Alarm, der aber ohne jedes Anzeichen für uns
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| verlief, also ließ man sich nicht weiter stören. Immer aber heißt es doch: das Notwendige griffbereit zu richten, falls man in den Keller muß. Wie unzählige Male das schon geschehen, und im entscheidenden Moment wird man gewiß ohne all das eilig hinunterstürzen müssen! Nach dem Kaffee schrieb ich an Hermann, dem ich schon lange Nachricht schuldig bin und in der Dämmerung ging ich zu Herancourt's um zu hören, ob sie Nachricht von der Tochter aus Weißenburg haben. Aber das ist nicht der Fall, und das lange Warten dauert weiter. – Weiter ging ich zu Buttmis, wo die Großmutter vorgestern stürzte und sich einen Schenkelhalsbruch holte. Sie ist im Krankenhaus eingegipst und wieder nach Haus geschickt. Denn die Gipsverbände müssen im Keller liegen wegen der fortgesetzten Alarme. Das wenige Pflegepersonal kann sie nicht ständig rauf und runter schaffen. So ist das jetzt. und die arme Frau Buttmi, die selbst sehr mitgenommen ist,
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| hat nun die Pflege der Schwiegermutter zu besorgen. Das ist nun ein ernstes Mißgeschick in dieser Familie, die lange Zeit sehr vom Geschick begünstigt war. Auch der Mann war bei seinem Weihnachtsurlaub aus Essen sehr deprimiert und elend, während er früher ein angenehmes Leben in Frankreich gehabt hatte. – Im Dunkel tastete ich mich durch den Schnee nachhause, wärmte mein gutes Essen und dachte beim Genuß gerade, das sei doch mal eine Mahlzeit ohne Störung, da zuckte das Licht und die Sirene klang. So ist das jetzt: immer um Mittag und Abend Vollalarm. – Auch diesmal ohne weiteres Geräusch, nicht einmal fernes Schießen. Sonst war es in letzter Zeit öfters Ludwigshafen, von dem wir den Feuerschein sahen, oder auch Mannheim. Oder es flogen Schwärmein unvorstellbarer Höhe donnernd über uns hin. Neulich sahen wir sie von allen Seiten über Mannheim herunterstoßen. – Ja, und nun will ich also an Dich schreiben!
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Über Deine lieben Briefe vom 26. Dez., der pünktlich zu Neujahr eintraf, Deine Karte vom 28. und der Postka Brief vom 1.I. freute ich mich sehr und danke Dir dafür. Wie froh bin ich, daß das Buch und die Strümpfe heil angekommen sind, und daß Du daran Freude hast. Das Buch ist ja nichts Besonderes, aber durch die persönliche Beziehung zur Gegend lieb, und die Strümpfe sind hoffentlich gut warm. Ich wollte Dir aber sagen, ich fand die "Wolle" beim Stricken doch etwas zu rauh und rate Dir, die Strümpfe links anzuziehen, sodaß die glattere Seite der Maschen an den Fuß kommt. Das wird angenehmer sein. – Mein Kalenderhintergrund aber ist noch immer nicht fertig. Die hellen Tagesstunden sind so knapp und gehen oft beim Zeichnen in der Klinik drauf und außerdem bin ich zunehmend richtig faul. Wie oft, wenn ich etwas verschiebe, denke ich an mein liebes Großmütterchen, die sagte: Morgen, morgen, nur nicht heute – sagen alle faulen Leute!
Die Tage gehen mit den fortwährenden Unterbrechungen schnell dahin; das schlechte Gedächtnis
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|macht, daß ich fast immer irgend etwas suchen muß und so vertrödle ich meine Zeit, daß es ein Elend ist. Dabei fragt man sich auch noch immer, ob das, was man tut, noch einen Sinn hat? – Wie gern lasse ich mich dann wieder vom Optimismus anstecken und vertraue auch meinem Talisman, dem kleinen roten Büchlein in meiner Tasche! Denn solchen Einband wie die Probe zeigt hat der liebe kleine Kalender, den Du mir so mühsam machtest. Sage doch mal, wann hast Du den gemacht? —
Daß die Haferflockenmarken doch ankamen, ist mir lieb. Es wäre doch schade darum gewesen, denn man hat ja keinen Überfluß, wenn ich auch durchaus nicht knapp damit bin. Aber wie Du meinst, vergraben werde ich nichts. Denn 1. würde ich es kaum wiederfinden, selbst wenn ich den gefrornen Boden aufgraben könnte. 2. würde es schimmeln, 3. gestohlen werden u.s.w. –  – nicht einmal in den Keller bringe ich die Sachen wegen der Feuchtigkeit. Aber ich esse, wozu ich Lust habe, denn da ist es am besten aufgehoben!!
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Inzwischen wird ein langer Brief an Susanne bei Euch angekommen sein und von meinem inhaltslosen Leben erzählt haben. Viel denke ich an alle treuen Freunde; es ist ja kaum jemand, an den man ohne Sorge denkt. So ist mir auch Dein Katarrh ein unerfreulicher Gedanke, besonders bei dem strengen Frost und den unzureichenden Verhältnissen in der Universität. Aber daß Du trotz allem erfolgreich arbeiten konntest, ist wunderschön. – Von meinen Weihnachtstagen hatte ich Dir und Susanne schon berichtet. Briefe hatte ich um die Jahreswende von Cäcilie Oesterreich, von Hermann, von Heinrich Eggert, Mädi, Gisela Hadlich (mit Bild) Anneliese Weise (der Schwiegertochter) Margret Braus (der Fürbringerschen Enkelin) u.s.w. – kurz, allerlei liebe Grüße, die nun beantwortet sein wollen, abgesehen von denen, die vorher schon dazu bereit lagen! Du bist darin viel pflichtgetreuer als ich! – Die Gabe von Ulrike war ein guter Gedanke und der Studienrat Bork ist mir durch den Plato-Aufsatz eine klare Vorstellung, die ich gern mal durch persönliche Bekanntschaft vertiefen würde. Er hat sicher eine sehr feines Verständnis für Dich. – Die offizielle Mitarbeit ist auch mir erstaunlich. Aber dergl. ist mir nicht sympatisch. – Draußen orgelt ein Flugzeug umher; noch ist der Alarm nicht ganz <li. Rand> vorbei. Aber das Papier ist zuende, und so schließe ich mit den innigsten Grüßen. <Fuß S. 5> Sage doch Susanne , daß ich vollkommen verstehe, wenn man etwas zu erwähnen vergißt. Sie soll auch mir verzeihen, wenn ich nachfrage. – Ich weiß oft <li. Rand S. 5> nicht: habe ich etwas getan, oder wollte ich nur!? Grüße sie herzlich!
Stets Deine Käthe.