Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Januar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg, 14.1.45.
abends

No. 2.
Mein geliebtes Herz,
gerade eine halbe Seite hatte ich geschrieben, da gab es heute zum dritten- oder viertenmal Vollalarm. Man wird die Sache recht leidig und hat das Gefühl, immer in einer gewissen Spannung zu sein, die eine ruhige Beschäftigung verhindert.
Jetzt will ich aber doch versuchen, noch etwas zu schreiben, und hoffe, daß es Dich auch erreicht, wenn auch verspätet, da es nun heute nicht mehr in den Kasten kommt. Morgen soll nun endlich auch die Unterlage für den Kalender fertig werden, an der ich heute während der schönen hellen Tagesstunden fleißig war. Der Erfolg ist nicht glänzend, aber Du wirst Nachsicht üben und hoffentlich dient Dir die Sache an vielen guten und befriedigenden Tagen. –  – Es verlangt mich wieder recht nach einer Nachricht von Dir, denn in der Zeitung waren Berliner Angriffe mehrfach erwähnt. Seit dem Brief vom 1.I. hörte ich nichts mehr. Du wirst von mir auch Brief 1 von 1945 bekommen haben und vorher kann wohl der längere an Susanne, dessen ausführlicher Brief des täglichen Kleinkrams dich wohl nicht sehr interessierte. – Eigentlich zu
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| erzählen habe ich nichts. Es gibt mancherlei, wovon man gern schreiben würde, aber es teilt sich schwer mit. Ich kann nur sagen, daß wir äußerlich noch leben wie bisher. Doch ist durch den fortgesetzten Alarm eine Unruhe in das Dasein gekommen, die jede Regelmäßigkeit in der Zeiteinteilung verhindert. Bei allem denkt man: werde ich das noch vorher tun können? Am besten ist es, gleich nach völliger Entwarnung auszugehen, da ist am meisten Aussicht auf eine Pause. – Aber selbst das ist irrig, wie ich eben bemerkte, denn bereits jetzt tönt die Sirene schon wieder.
Heute nachmittag war ich bei Herancourt's und hörte, daß sie von Tochter und Schwiegersohn aus Weißenburg gute Nachricht haben. Sie haben die französische Besetzung erträglich überstanden und hatten bis zum 12. auch von der Beschießung [über der Zeile] persönlich nicht gelitten. Den Brief brachte jemand persönlich von dort [über der Zeile] mit, denn andrer Verkehr ist noch nicht wieder. Auch hatten sie zeitweise weder Strom, noch Gas, noch Wasser. – Von uns ist die Frontlinie nun wieder weiter abgerückt und die dumpfen Erschütterungen haben bedeutend nachgelassen. Der Angriff vorhin muß jenseits des Rheins gewesen sein. Die Scheinwerfer spielten und die Schrapnells blitzten auf, aber zu hören waren die Schüsse nicht, also war es weit fort. Vielleicht wieder Neustadt,
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| oder Kaiserslautern. Vielleicht auch Kreuznach, das sehr mitgenommen ist. Eine Frau von dort, die ihren Mann hier besuchte und mit der ich im Dunkeln bei Alarm die Landstraße herausging, erzählte, daß keine einzige Bäckerei mehr exisierte. Dort in der Nähe, in Baumholder, war eine Jugendfreundin, eine Geroldsche Enkelin, verheiratet. Sie ist klugerweise im vorigen Jahr gestorben.
Habt Ihr jetzt Nachricht von Öppingers? Hier heißt es, Höchst sei noch verschont. – Und was weiß man von Louvaris? – Eine dringende Notwendigkeit ist es, jetzt nicht krank zu werden. Denn kein Krankenhaus nimmt Leute über 65 auf, und Gipsverbände auch nicht, denn sie können nicht täglich so und so oft in den Keller gebracht werden. So muß die gute Frau Buttmi ihre Schwiegermutter im Hause pflegen und ist doch selbst sehr angegriffen.
Mein gewohntes Lesen des abends ist sehr ins Hintertreffen gekommen. Oft schlafe ich schon nach wenigen Seiten ein. Dabei habe ich es doch nicht schlecht und habe keine eigentlichen Anstrengungen. Es wird mir nur alles leicht zuviel. So kann ich jetzt schon 10 Pfund recht viel finden, während mir sonst das Doppelte leicht erschien.
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Da – nun geht es wieder in Vollalarm über und ich will also mal eine Pause machen.

15.I. Als der Alarm zuende war, mußte ich auf der Stelle ins Bett, denn ich schlief schon beinah im Stehen ein. Auch jetzt, vormittags seit ½ 10 "ist was in der Luft", aber nicht bei uns. Dafür haben wir wieder tüchtig Kälte bekommen. -8R an meinem Fenster und +8–10R im Zimmer. Daran wird mir auch klar, warum es mit dem Schreiben so wenig wird – man kann bei der Temperatur nicht still sitzen, und es fehlt auch die Stimmung. Überhaupt wirkt die Kälte immer lähmend auf mich. Oder ist in mir eine große Erschöpfung nach der schweren Zeit, die wir durchmachten? Ich lasse mich doch so gern von jedem guten Eindruck beleben und ermutigen, ich trage immer den Talisman bei mir in der Tasche und im Herzen, aber die Federkraft hat nachgelassen. Ich bin auch, wie Du es meinst, ohne Reserven. –  – Abends im Bett lese ich Shakespeares Königsdramen mit starker Anteilnahme. Welch eine Welt voll unmittelbaren Lebens; das verstehe ich erst aus der Wirklichkeit richtig. Aber oft fällt mir das Buch schon nach wenigen Seiten aus der Hand vor Müdigkeit. –
<li. Rand> Der Teil des Kalenders kommt nun ganz bald, hoffentlich vor dem Februar!! Ich bitte Dich, habe Nachsicht, ich werde mich möglichst bessern. Sei innig gegrüßt und <Kopf> grüße Susanne herzlich.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Katharina Weinel, verw. Pfarrer Diehm, hat wieder geheiratet. Diesmal einen Mediziner Dr. Helmut Franz, Tübingen.