Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Januar 1945 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.I.1945.

No. 4.
(No. 3 mit Kalender)
Mein geliebtes Herz,
zu meiner Freude kam am Freitag der vermißte (7.) Brief doch noch an, geschrieben am 6. Dez. – Wo mag er sich aufgehalten haben?! – Aber was er über dein Befinden meldet, konnte mir keine Freude machen, sondern nur die Besorgnis verstärken, die mir dein ewiger Katarrh ohnehin schon machte. Was hat denn Kurzrock gesagt? Was tust Du dagegen? Wenn es nicht noch wahrscheinlichere Gründe gäbe, würde ich sagen, aus lauter Sympathie habe ich mir auch so etwas zugelegt. Aber es ist bei dem häufigen Fahren in der überfüllten Elektrischen, wo man aus nächster Nähe von Hustenden und Krächzenden angefaucht wird, bei dem täglichen Aufenthalt im Keller, wo Familie Dürre stets von Katarrh überfließt hat das ja einen sehr handgreiflichen Grund. Ich hatte mich lange tapfer dagegen gewehrt, und habe der Sache auch gleich mit Aspirin die Heftigkeit genommen, sodaß es bei einer leichten Stirnhöhlenentzündung
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| blieb. Aber die Mattigkeit, über die Du klagst, habe ich auch und es artet in eine wahre Schlafsucht aus. –
Inzwischen wirst du hoffentlich endlich den Hintergrund zu dem Wochenkalender bekommen haben.x [li. Rand] x Brief 3. Er ist dürftig genug an Schmuck ausgefallen, aber er ist mit viel lieben, treuen Gedanken gearbeitet. Es ist eine Devise, die wir in diesem Jahr wohl gebrauchen können. Denn wohin wird uns das Schicksal führen? – Zunächst dehnt es die Entfernung zwischen uns ins Unbegrenzte, denn vom 28. ab fahren keine durchgehenden Züge mehr. Ich habe ja von vornherein nicht die Absicht gehabt, hier freiwillig fortzugehen, aber wenn ich obdachlos werden sollte, dann würde ich doch streben, nach Berlin zu kommen. Sage mir doch, wäre Dir das auf alle Fälle recht?
Nach einer ziemlich ruhigen Zeit haben wir eben wieder viel Einflüge – über uns weg. In Mannheim fallen immer noch Bomben, daß bei uns die Wände beben und die Vorhänge flattern. Und es ist besonders störend, daß das
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| immer um die Zeit geschieht, wenn man kochen und essen will. – Heut am Sonntag ist nach zwei fast schneefreien Tagen wieder erneuter Schneefall eingetreten. 13½ cm liegt er bei mir vor dem Fenster und noch hört es nicht auf. Dabei ist es nur gerade auf dem 0Punkt mit dem Frost; aber da die Sonne verhüllt war, blieb der Schnee doch liegen und wer irgend kann, genießt den Sport.
Ich werde nachher mit Gummistiefeln zu Drechslers gehen und diesen Brief mitnehmen. Es wird dort der Sohn anwesend sein, der aus Italien (Riviera) in Urlaub ist. Auch die kranke Tochter ist nun bei der Mutter, aus der Klinik entlassen. Möchte sie nun keinen Rückfall wieder bekommen. –  –
Gleichzeitig mit dem verspäteten Brief von Dir kam am 19. einer von Hermann, geschrieben am 14., dagegen bekam ich von Walter auch jetzt einen Brief vom 17.XII. und von Lieschen Schwidtal eine entrüstete Karte vom 19.XII. wegen angeblichen nicht Schreibens. Das war
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| aber nicht der Fall, es scheint dem nach die Post in Kurhessen besonders miserabel. Das machen wohl die vielen Angriffe am Main. – Auch heute waren sie vermutlich wieder dort nach den Meldungen, während sie in unsrer Gegend nur im Vorbeigehen einen Gruß abgaben. –
Soweit mich abends nicht die müden und schmerzenden Augen hindern, lese ich die Shakespeareschen Königsdramen. Es ist ungeheuer zeitgemäß, sodaß es mich oft auch zwingt, das Buch zu schließen vor Herzbeklemmung. Und was hört man täglich an erschütternden Tatsachen! – Wie mag es Anna Weise in Breslau gehen? Gestern kam von ihr ein Brief vom 15.XII. Und wie hat sichs seitdem verändert dort! Sie schreibt sehr gefaßt, aber schmerzlich resigniert. –
Ich denke stündlich an Dich – oft mit sehnsüchtigem Verlangen. Vor allem aber mit innigen Wünschen für dein Wohl. Grüße auch Susanne sehr herzlich und sei Du ganz besonders gegrüßt von
Deiner Käthe.